Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Euphrosyne Karpodini- Dimitriadi, I thriskeftiki symperifora ton kato-ikon tis Keas( Die religiösen Verhaltensweisen der Einwohner von Kea).Athen, Ekpaideftiria Duka, 1988, 168 Seiten, 45 Abb. auf Tafeln.

Die mit dem Untertitel Beitrag zum Studium des kykladischen Raums" ver-sehene, von Michalis Meraklis als Doktorvater eingeleitete, dicht gearbeitete undgeschmackvoll präsentierte Volkskunde- Dissertation an der Universität Ioanninahält die richtige Mitte zwischen kulturanthropologischer Monographie und traditio-nell volkskundlicher Feldforschung in Griechenland. Die Verfasserin hat an die zweiJahre auf der Insel verbracht, kann auf eine lange Liste von Gewährspersonen ver-weisen und verfügt über die nötigen Kenntnisse anthropologischer Studien aus dem-selben Raum( deren Verallgemeinerungen teilweise kritisiert werden) sowie überdie Kenntnis der einschlägigen griechischen volkskundlichen Literatur. Als Ergebnisder sehr systematischen Studie bleibt festzuhalten, daß sich auf jenen Kykladen-Inseln, die nicht in der ersten Reihe im Ansturm der Touristen stehen, sehr wohlaber vom Tourismus beeinflußt sind, religiöse Attitüden in rezenter Situation zwarverändert, aber nicht unbedingt abgeschwächt, sondern eher verfestigt haben. Zwarist ein religiöser und parareligiöser Brauchschwund, zusammen mit seiner folkloristi-schen Gegenbewegung, zu beobachten, die dahinter liegenden religiösen Einstellun-gen sind davon aber weniger tangiert, auch die Behauptung eines sukzessiven For-mell- Werdens der Volksfrömmigkeit wird zurückgewiesen, da die gesellschaftlichverankerte und tradierte Formalität als Norm, wenn internalisiert, wieder einenwesentlichen Teil der Religiosität selbst darstellt.

Dieses erstaunliche Ergebnis ist aus streng konkreten und lokalen Quellen erar-beitet: der Feldforschung, der Auswertung des Insel- Periodikums, Unser InselchenKea( To nisaki mas i Kea), einschlägiger anthropologischer und demographischerLiteratur sowie auch volkskundlicher. Bei der Auswertung unveröffentlichter volks-kundlicher Quellen wären vielleicht noch Einzelnachrichten zu ergänzen gewesen.( W. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Bezie-hungen zum Volkstheater. Wien, 1977, Index: Kea.) Die Dissertation vermeidetaber nicht nur die Überladung weniger Fakten mit weitreichenden kulturtheoreti-schen Konzepten( manche amerikanische und französische Arbeiten erwecken inihren Verallgemeinerungen und Theoretisierungen den Eindruck eines konstru-ierten Anthropologen- Griechenlands, das wieder die Grundlage bildet für noch wei-ter reichende Cross- cultural- Konzepte), sondern schließt auch an die bestehendeTradition älterer griechischer Inselmonographien an, die die Geschichte der Inselseit dem frühen Altertum bringen, um dann in die Beschreibung gegenwärtigerVolkskultur auszumünden. Die Dissertation ist jedoch frei von gelehrtem Ballastund emotionsgetöntem Lokalpatriotismus, konzentriert sich auf die Gegenwartssi-tuation und versteht sich als charakteristisches Beispiel in einem größeren geographi-schen Raum, für den der Zusammenstoß zwischen autochthoner Volkskultur, wirt-schaftsbedingter Auswanderung, steigender Tourismus- Zunahme( bzw. Sommerbe-such von gebürtigen Inselbewohnern, die in den urbanen Zentren oder im Auslandleben, bzw. ständiger Residenz von nicht auf der Insel gebürtigen Griechen) und ein-setzenden Folklorisierungsprozessen charakteristisch ist.

Die Vorgangsweise der Verfasserin ist streng systematisch. Die Einleitungskapitelumfassen Geographie, Wirtschaft und Geschichte der früher blühenden Insel seitdem Altertum( S. 15-20), dann die Organisation des Kirchenwesens( S. 21-46):

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