Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Mitteilungen

Legende und Ikone

Zu einem nur für Rumänien belegbaren Text des Motivs von der, Tricheirousa"

Von Felix Karlinger

Das Motiv von der Muttergottes als Helferin ist im gesamten Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendland verbreitetund hat sich seit dem Mittelalter großer Popularität erfreut. Eine Sonderform davonbeschränkt sich hauptsächlich auf den Bereich des byzantinischen Ritus: die helfendeingreifende Ikone der Panagia. Freilich sind mit der Wanderung bestimmter Ektypivon berühmten Ikonen- wie etwa der Hodigitria auch die Legendentexte mit inden Westen Europas übertragen worden¹. Rumänische Varianten dieses Stoffes fin-den sich bei Marian² und Dima³. Von hilfreichen Ikonen ist überhaupt in der rumäni-schen Oraltradition mehrfach die Rede4.

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Im folgenden soll jedoch eine Variante besprochen werden, zu der bisher keineParallele bekannt geworden ist. Erzählt wurde dem Berichterstatter diese Legendevon dem in Bessarabien geborenen Mircea Bogdan, der sie um die Jahrhundert-wende von seinem Großvater gehört hat.

Der Inhalt der Legende: Einem heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischen( türkischen) Vater und einer christli-chen Mutter wird ein Mädchen geboren, das wie die Mutter getauft und von ihrchristlich erzogen wird. Als die Mutter schwer erkrankt, ruft sie ihre Tochter, dieMaria heißt, und übergibt ihr eine Ikone der Gottesmutter mit dem Christuskind undrät ihr, sich nie davon zu trennen. Dann stirbt die Mutter.- Der Vater heiratet wie-der und nimmt sich diesmal eine türkische Frau, welche auf die Stieftochter neidischist und sie aus dem Hause haben will, um Marias Erbteil in Besitz nehmen zu können.Der schwache und lieblose Vater fügt sich den Wünschen seiner zweiten Frau, undman beschließt, Maria zu vernichten, indem man sie auf einen gefährlichen Pfaddurch ein wildes Gebirge zur Höhle eines Drachen sendet. Maria nimmt außerNahrungsmitteln nur die Ikone in ihrem Korb mit und macht sich auf den Weg.Als sie im Gebirge vor einer Schlucht ankommt, durch die nur ein kaum fußbreiterPfad führt, der zudem durch die Feuchtigkeit glitschig ist, fordert die Stimme derGottesmutter Maria auf, die Ikone aus dem Korb zu nehmen. Als Maria das getanhat, steigt die Panagia aus dem Rahmen und fordert das Mädchen auf, vor ihr zugehen. Maria schreitet also voraus, aber an einer besonders gefährlichen Stelle mit-ten in der Schlucht gleitet sie aus, rutscht vom Pfad ab und kann sich nur noch

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