Alles in allem liegt mit ,, Wegmüssen“ eine volkskundlich, zeitgeschichtlich undlandeskundlich relevante Materialsammlung vor, die in Fachkreisen für Diskussionsorgen mag und dem fachfremden Leser, der am Waldviertel irgendein Interesse hat,unentbehrlich werden wird. Eine entsprechend große Verbreitung ist dem Werkdaher zu wünschen. Aber nicht nur für die verspätete Aufarbeitung verdrängterVergangenheit und unbewältigter Gegenwart im Gedenkjahr 1988 ist es von Bedeu-tung. Jemand wie der fachfremde Rezensent würde sich wünschen, daß damit einErkenntnisschritt markiert wird, zu dem die Verfasserin beiläufig in der Einleitunganhebt:„ Der Volkskunde sagt man nach, daß sie mit ihren Forschungen erst danneinsetze, wenn die untersuchten Phänomene bereits im Verschwinden begriffen unddamit nur noch marginal erfaßbar seien. 1938 war sie allenthalben prompt zur Stelle"( S. 9). Man muß 1988 nicht unbedingt nach Rumänien blicken, um die aktuelleBedeutung von„, wegmüssen“ zu verdeutlichen. Jene Stimmen, welche anläßlich derReaktionen des Westens auf die Vorgänge in Rumänien darauf hingewiesen haben,daß es sich bei diesen Protesten auch um Symptome der Verdrängung einer genausogründlichen Zerstörung im eigenen Land handelt, waren in der Minderheit. Der7000 Ausgesiedelten im Waldviertel- die grammatikalische Fehlbildung ,, Aussied-ler" sollte endlich getilgt werden, denn sie unterstellt, daß diese Menschen freiwilliggegangen wären; nein, sie wurden ausgesiedelt!- wurde jahrzehntelang nichtgedacht, ihre Entwurzelung, ihre Entfremdung und ihre Leiden wurden gar nichtwahrgenommen.„ Wegmüssen“ heute sieht anders aus, aber sind die Folgen nichtstrukturell ähnlich? Wir scheinen sie gar nicht mehr wahrzunehmen, weil alles sounmerklich und langsam vor sich gegangen ist. Soll dasselbe, wofür westlicher Kapi-talismus Jahrzehnte gebraucht hat, unter Einsatz diktatorischer Mittel in erkenn-baren Zeiträumen durchgeführt werden, schreien wir auf. Um das Eingangsmottozu variieren: Es sollten nicht Jahrzehnte vergehen, bis wir entdecken, daß wir selbstauch wer waren.
Peter Zawrel
Milovan Gavazzi, Godina dana hrvatskih narodnih običaja( KroatischeJahreslaufbräuche). Zagreb, Kulturno- prosvetni sabor Hrvatske, 1988, 248 Sei-ten, 29 Abb.
Im 94. Lebensjahr hat Milovan Gavazzi( geb. 1895 zu Gospić in der Lika), nochimmer lehrender Professor für Ethnologie an der Universität Agram/ Zagreb, einBuch über die kroatischen Jahrlaufbräuche neu herausgegeben, das er vor fast einemhalben Jahrhundert, 1939, in zwei schmalen Bändchen erstmals vorgelegt hatte. Dasnunmehr einbändig vorliegende, mit den eindrucksvollen, dokumentarwertigen Bil-dern von damals neu erschienene Werk wendet sich nicht zuerst an Wissenschaft undForscher. Vielmehr soll es- nach dem ausdrücklichen Willen des Verfassers undjenem von Prof. Vitomir Belaj, einem seiner Nachfolger auf der Agramer Lehr-kanzel, der es freundlich einbegleitet, eine Art„ Lesebuch“ für das kroatische Volksein mit Schilderungen seines farbigen und vielgestaltigen, nach den Landschaftenstark differenzierten Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums im Jahrlauf, wie er sich in den Jahrzehnten vor demZweiten Weltkrieg darbot, als die fast rein agrar- und viehzüchterbäuerliche„, Weltnoch ganz"( wir würden sagen„ heil“) gewesen war. So manches ist in knapperPrägung hinzugegeben worden aus den reichen Forschungen des Gelehrten Milo-van Gavazzi, der in ähnlicher Weise auch eine große Anzahl seiner im Ausland, in
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