Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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Die Darstellung der Altersstufen undAltersrollen des Menschen im Witz*

Von Rainer Wehse

Wie stellt sich im Mikrokosmos des Witzes der Makrokosmos dermenschlichen Lebensaltersstufen dar? Geben Witze eine objektiveCharakterisierung der einzelnen Stadien, oder akzentuieren sieselektiv bestimmte Phänomene? Bringt der Witz einen gleichmäßi-gen Überblick über die Chronologie des menschlichen Lebens,oder greift er sich gewisse Abschnitte heraus, vernachlässigtandere? Entspricht die witzimmanente Realität den tatsächlichenGegebenheiten, oder findet sich hier etwas anderes, Neuartiges?

Folgt man der Chronologie des Witzes¹, so beginnt das menschli-che Leben nicht etwa mit der Zeugung, sondern erst bei derSchwangerschaft, und verläuft über das von der Gattung kaumbeachtete Säuglingsstadium zum Kind, um dort länger zu verwei-len. Die Darstellung nimmt in ihrer Intensität wieder ab, wo es umden Jugendlichen geht, und kulminiert dann in einem originellenFeuerwerk um das brisante Alter der Werbung, ersten Liebesnachtund abschließenden Hochzeit. Danach klafft eine Lücke: Der Witzbeschäftigt sich zwar mit den alltäglichen Situationen des Erwach-senen, ohne jedoch bestimmte Lebensaltersstufen markant zu cha-rakterisieren. Erst beim alten Menschen wird die abschnittsmarkie-rende Chronologie wieder aufgenommen: Schwiegermütter, mehrnoch alte Jungfern Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfern und, facettierter dargestellt, alte Männerbeherrschen dominant eine Bühne, auf der die Tragikomödie que-rulanten und reduzierten Menschseins, des Todes und Erbes aufge-führt wird sowie in einem über das Leben hinaus projiziertenDanach Himmel, Hölle und Fegefeuer die Szenerie bilden.

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