Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
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Küchendekorierung recht primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiv. In der Nyirség- Gegend tauchte man eine ent-zweigeschnittene Kartoffel in verdünnten gelben Lehm oder in Kalk und drückte dasAbbild einer eingekerbten Figur( z. B. eines Kreuzes) wie mit einem Stempel an dieWand. Höher entwickelte Ziergegenstände waren die an die Wand gehängten Tellerund Krüge, die mühelos gereinigt werden konnten. Allerdings verschwinden dieWanddecken auch aus den modernen, gekachelten Bauernküchen, zumal dieInschriften nicht mehr der heutigen Denkart entsprechen. Laut eigener Erfahrungkommen sie noch am häufigsten in ungarischen Dörfern mit einer ärmlichen, grie-chisch- katholischen Bevölkerung vor.

Béla Gunda

Tiina Võti, Õllekannud( Die estnischen Bierkannen). Tallinn, Verlag Kunst,1986, 47 Seiten, 185 Tafelbilder.

Die Bierkannen aus Dauben gelten als typische Gefäße im Haushalt und in derVolkskunst der Esten. Hauptsächlich wird die Bierkanne bei festlichen Anlässenbenützt, zumal im Alltag das Bier meist aus Kübeln getrunken wurde. Aus dem Bier-faẞ, das in der Vorratskammer steht, wird das Bier zunächst in die Tüllenkannen( Ausschankkannen) gegossen und aus diesen in die Bierkannen. Auch bei Reisenwird das Lieblingsgetränk der Esten in Tüllenkannen mitgeführt. Besonders schöndekoriert sind die bei Hochzeitsfeiern benützten Bierkannen mit Deckel und Hen-kel, Tüllenkannen und Kübel. Vermutlich waren die Bierkannen aus Dauben beiden Esten schon im Mittelalter bekannt. Im Jahre 1601 wird bereits ein Kannenma-cher erwähnt. Diese Gefäße waren im 19. Jahrhundert weit verbreitet- der estni-sche Bauer kaufte sich die Kanne bei einem sog. Kannenmeister. Die Bierkannewurde aus Wacholderholz gemacht, da dieses ein angenehmes Aroma hat, doch fürden Handgriff und den Deckel benützte man das Birkenholz; für den Reif war derGebrauch von Faulbaum oder Schiffsbeer allgemein. Die Brandornamentik, die miteinem Eisenstab oder-stempel in das Holzgefäß eingebrannt wird, verleiht der estni-schen Bierkanne eine eigenartige, kunstvolle Form. Angaben über das Brenneisenreichen bis 1660 zurück. Auf neolithischen Tongefäßen sind oft ähnliche Verzierun-gen zu sehen wie auf der Bierkanne. Auf den estnischen Inseln wird das Daubenholzvariiert. Die Benützung von zwei, drei Holzarten verleiht dem Gefäß eine eigenar-tige Tönung. Diese Technik ist übrigens auch bei den Deutschen bekannt. Auf derInsel Hiiumaa ist der Henkel ganz einfach, auf dem nordwestlichen Festland wirdetwa ein Pferdekopf nachgeahmt, in anderen Gegenden dient als Henkel ein dekora-tiv geschnitztes Rad. Für Nord- Estland ist das pflanzliche Brandmuster bezeich-nend, für Süd- Estland das eingebrannte Herzmotiv. Auch kreis- und S- förmigeMotive sowie Rosetten und andere geometrische Ornamente kommen vor. Auf demKannenboden finden wir oft eine Jahreszahl und Hausmarken, auf dem Kannen-deckel magische Zeichen. Es ist festzustellen, daß die Dekoration der Kannen inWest- und Nord- Estland reichhaltiger und abwechslungsreicher ist als im Osten.

Vorliegendes Buch ergänzt aufschlußreich die Monographie von A Viires( Dievolkstümliche Holzarbeit der Esten. Tallinn 1960. Estnisch), wonach die Daubenge-fäße mit einem Boden in Estland bereits im 10. bis 12. Jahrhundert bekannt waren.Die Terminologie ist oft dem Niederdeutschen entlehnt( kann ,, Bierkrug", piipkann,, Ausschankkanne, toober Zuber" usw.)- eine offensichtliche Folge westlicherKulturverbindungen, namentlich der Ansiedelung des Deutschen Ritterordens im

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