Wir müssen nicht nur bedenken, daß der Grimmsche Text eine bereits stark defor-mierte Endstufe darstellt, sondern daß der spezifische Sinngehalt des Stoffes geradebei archaischen Gruppen stark ausgebildet ist. Von alten Mythen ganz abgesehen,hat sich die Ehe- oder zumeist nur Paarung- zwischen Mensch und Tier gerade inder Form von Wassertieren( wie Seehund, Delphin oder Wal) in den Erzählungender Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos, der Polynesier, südamerikanischer Küstenindianer Glossar ::: zum Glossareintrag Küstenindianer usw. besondersdeutlich ausgeprägt. Manchmal besteht gegenüber dem Coitus mit einer bestimmtenTiergruppe ein eigenes Tabu, manchmal wird das Tier durch den Geschlechts-verkehr zum Menschen, in seltenen Fällen wird der menschliche Partner zum ent-sprechenden Tier. Fast immer gehen aus der Verbindung Kinder hervor, sei eszoomorph, sei es anthropomorph.
Es ist wohl kein Zufall, daß auch im kontinentalen Bereich so häufig die Herkunftvon Kindern aus Seen oder Teichen vorgestellt wird. Zu untersuchen wäre auch,warum in manchen Landschaften das Aussetzen von( unerwünschten) Kindern anden Ufern von Bächen, Flüssen oder Teichen erfolgt. Darf man darin den Versucheiner Rückgabe an den Herkunftsbereich sehen?
Das will absolut nicht dafür plädieren, im Seehund oder anderen Amphibien, dieaus dem Wasser an Land kommen, einen Archetypus des Frosches zu erkennen; essoll lediglich die Funktion und Symbolik des Wassers als Grenzraum zum Jenseits inErinnerung gebracht werden. Es gibt in den Erzählungen exotischer Glossar ::: zum Glossareintrag exotischer Bevölkerungensogar das Motiv, daß eine Frau lediglich vom Aufenthalt im Wasser schwanger wird.Kurz gesagt:Über den Ausgangspunkt des für den„ Froschkönig“ geltenden Sinn-zusammenhangs ließen sich noch Gedanken ausspinnen.
Liest man den bunten Teil von Texten, der die zweite Hälfte des Buches ausmacht,gewinnt man den Eindruck, daß hier wohl viel Erheiterndes geschrieben worden ist,daß jedoch das Verständnis für das, was KHM 1 anzudeuten versucht, gründlich indie Irre gegangen ist. Das Schwankhafte gehört urtümlich nicht zu diesem Stoff.
Röhrichs Sentenz:„ Der Witz greift die Wahrheit des Märchens an, er stellt sie inFrage, er spottet über den Optimismus des Märchens“( S. 67), trifft zweifellos einewichtige Seite. Hingegen verwirrt seine Meinung, gerade darin erweise das MärchenKHM 1 seine Aktualität.
Felix Karlinger
Antonio Rodriguez Almovodar, Cuentos maravillosos. Cuentos popularesandaluces y cuentos maravillosos españoles(= Folclore. Biblioteca de la culturaandaluza). Sevilla, Editoriales Andaluzas Unidas, 1986, 214 Seiten.
Es gibt gelegentlich Bücher, die man nur den Kopf schüttelnd lesen kann. Das istbeim obigen der Fall.
Die Studien zu dem vorliegenden Werk wurden durch das Stipendium einerbekannten Stiftung gefördert, und die Serie, in der es erschienen ist, gilt zu Recht alsseriös und bedeutend.
Das Buch teilt sich in einen Teil„ Estudio preliminar“ und einen anderen„ Loscuentos". Es wird beschlossen durch eine vierseitige Bibliographie.
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