Schade, daß viele Druckfehler das Lesevergnügen beeinträchtigen. Trotzdemsollte das Kapitel über den Widerstand im Geschichtsunterricht höherer Klassenunbedingt verwendet werden. Dem Autor ist es hier gelungen, den damaligen Alltagmit seinen Schwierigkeiten und Gemeinheiten sehr lebensnah einzufangen.
Lore Hacklaender
Siegfried de Rachewiltz, Rita Pircher, Walter Schweigkofler( Red.),„, Plent undCalville". Dorf Tirol 1850-1950... Ein Jahrhundert in Bildern und Berichten(= Schriften des Landwirtschaftlichen Museums Brunnenburg, N.S. Nr. 1). DorfTirol, Junge Generation- Arbeitskreis Brunnenburg, 1987, 147 Seiten, Abb.Keine der üblichen Ortsgeschichten, wie sie in der letzten Zeit beinahe für jedeGemeinde erscheinen, haben wir hier vor uns und auch keines der„ Bilderbücher",das an Hand alter Postkarten oder Fotografien ein historisches Zustandsbild festhältund mehr oder weniger ausführlich kommentiert bzw. beschreibt. Angeregt durchBilder, hauptsächlich aus Familienbesitz, angereichert durch Materialien aus Archi-ven und Zeitungen, aber auch durch persönliche Erinnerungen der Dorfbewohnerentstand wie aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild vom Ablauf des Lebens in einemTiroler Dorf unter den verschiedensten Aspekten, seines Alltags und seiner Feste,seiner Menschen und seiner Bauten. Die Darstellung erstreckt sich über den Zeit-raum der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts( das älteste datierte Bild stammtaus dem Jahr 1848) und reicht bis in die zwanziger und dreißiger Jahre unseres Jahr-hunderts. Es entsteht ein weitgefächertes Panorama, das von der Eröffnung desSchießstandes in Dorf Tirol( 1898) in Anwesenheit des Thronfolgers ErzherzogFranz Ferdinand, alten Dorfansichten, bäuerlicher Arbeit(„ mit Pflueg, Éig und mitLoanen"), den Weinbau und das religiöse Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum bis zum Schul- und Vereins-wesen, zu den russischen Gefangenen im Dorf während des Ersten Weltkrieges oderder Hitlerjugend und den Heimatabenden in der Zeit des Faschismus reicht.
Ein Bild zeigt die Ankunft des amerikanischen Dichters Ezra Pound nach langerGefangenschaft 1958 in Dorf Tirol. Sein Wohnsitz, die Brunnenburg, nun von sei-nem Enkel Siegfried de Rachewiltz bewohnt, ist heute nicht nur Mittelpunkt zahl-reicher Aktivitäten und Arbeitskreise, sondern beherbergt auch ein Museum bäuer-licher Geräte und war Schauplatz einer Ausstellung„ Dorf Tirol in alten Bildern"( September bis November 1987), dessen Katalog- oder besser, Begleitschrift- hiervorliegt.
Die mit viel Engagement und Wissen zusammengestellte Publikation ist nicht nurgrafisch hübsch gelungen, sondern auch ein wertvoller Beitrag zur Geschichte undHeimatkunde( ohne falsch verstandene Romantik) eines Südtiroler Ortes. ZumAbschluß sei noch der Titel erklärt, der sicher nicht nur die Rezensentin neugieriggemacht hat: Plent oder Schwârzplent ist der Buchweizen und war ein wesentlicherBestandteil der bäuerlichen Alltagskost bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.Calville bezeichnet eine Apfelsorte, die ab ca. 1880 im südlichen Tirol angebautwurde und zu einem begehrten Tafelobst der gesamten Donaumonarchie wurde.Steht Plent für den Alltag, so bezeichnet der edle Calville„ den Einbruch derGeschichte ins ländliche Dorfleben,(...) den Hauch der weiten Welt,(...) Pompund Pöllerknall bei Primizen und kaiserlichem Besuch"- das Festliche und Außer-gewöhnliche.
Eva Kausel
94