Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Knufinke, Ulrich: Zur »Entdeckung« der historischen Synagogen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts

  
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Zur »Entdeckung« der historischen Synagogen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts : architektur-geschichtlich-volkskundliche Forschung und ihre Resonanz im Synagogenbau
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604 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

ventarisation und dokumentierende Volkskunde allgemein dem erwarte-ten>> sicheren Untergange«< der» Reste der Vergangenheit« entgegenzu-arbeiten hatten. 14

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde mit der sys-tematischen Dokumentation von Synagogen begonnen, Aufmaße undmaßstäbliche Zeichnungen sowie Fotografien angefertigt und gesam-melt. Interesse an jüdischen Bauwerken entwickelte sich nicht nur inden jüdischen Kreisen der Volkskundler und Baumeister, sondern of-fenbar auch unter nicht- jüdischen Denkmalpflegern, Architekten undMuseumsleuten. Ein Ergebnis dieser frühen Phase der Forschung wardie Dokumentation polnischer Holzsynagogen, die in den letzten Jahrendes 19. Jahrhunderts begonnen wurde. Ihre Veröffentlichung in deut-scher Übersetzung in den» Mitteilungen der Gesellschaft für jüdischeVolkskunde<<, 1901, war der erste Beitrag zu Fragen der Architektur-geschichte in dieser Zeitschrift. 15 Entsprechend dem Ansatz der volks-kundlichen Hausforschung, nicht nur eine architektonische Struktur,sondern auch ihr Inventar und damit ihre Funktion zu dokumentieren,werden sowohl maßstäbliche Zeichnungen der Gebäude als auch einzel-ner Ausstattungsstücke publiziert( Abb. 2). Ebenfalls 1901 erschien inder jüdischen Zeitschrift» Ost und West«<, einem wichtigen Organ derkulturzionistischen Bewegung und Ort der Ausrufung einer» JüdischenRenaissance<< durch Martin Buber im selben Jahr, ein Beitrag von Bin-jamin Segal über» Synagogale Kunst«. Darin referiert er den Stand derForschung zu polnischen Synagogen ganz im Sinne einer Hinwendungauf ein>> ursprünglicheres«< Judentum in Osteuropa. 16

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>> Die außerordentliche technische und industrielle Entwicklung unserer Zeit, verbun-den mit einer ungeahnten Entfaltung der Verkehrswege und Verkehrsmittel, habendie Sitten, Gewohnheiten und Neigungen, sowie die Gestalt und Erzeugungsformder Gegenstände, welche ihren sichtbaren Ausdruck bilden, so von Grund aus ver-ändert, daß die Reste der Vergangenheit sich mit jedem Jahre verringern und alter-thümliche Bauten, alte Geräthe, alte Volkstrachten, was ihren öffentlichen Gebrauchbetrifft, in absehbarer Zeit dem sicheren Untergange geweiht sind«<, so die allgemeinanhebende Einleitung des Aufsatzes» Zweck und Ziel...«<( wie Anm. 13), S. 3.M. Bersohn: Einiges über die alten Holzsynagogen in Polen. In: Mitteilungen derGesellschaft für jüdische Volkskunde 8, 1901, 2, S. 159-183.

Binjamin Segal: Synagogale Kunst. In: Ost und West 1, 1901, 4, S. 275-290; MartinBuber: Jüdische Renaissance. In: Ost und West 1, 1901, 1, Sp. 7–10. 1901 beschäf-tigt sich auch Heinrich Frauberger in einem Aufsatz mit historischen Synagogen inder Absicht, Hinweise für den zukünftigen Synagogenbau zu geben. Osteuropäische