Aufsatz in einer Zeitschrift 
Der andere 1. Mai : der sozialdemokratische Tag der Arbeit und die Formierung anderer Maifesttraditionen
Einzelbild herunterladen
 

Margot Schindler, Der andere 1. Mai

Christlich- sozialer Schulterschluss mit der Kirche

Immer enger und politisch offensiver wurden die Verflechtungen der ka-tholischen Kirche mit der christlichsozialen Partei gegen den 1. Mai derreligionskritischen Sozialdemokraten in den 1920er Jahren. Es hatte sicheingebürgert, dass die christliche Arbeiter- und Angestelltenschaft amSonntag nach dem 1. Mai Maifeiern und Umzüge mit Blasmusik in deneinzelnen Bezirken Wiens veranstaltete, denen jeweils Festgottesdienstevorangingen. Die anschließenden Kundgebungen hielt man in geschlos-senen Lokalen ab. Die Jugend traf sich auf der Marswiese in Neuwald-egg, doch nur>> Katholiken« waren»> herzlichst eingeladen«<. 1931 gedachteman der vor vierzig Jahren verkündigten sogenannten Arbeiterenzyklikaund feierte mit einer Feldmesse und Kundgebung vor der Karlskirche,der ein Festzug über die Ringstraße folgte. Die Veranstaltung wurdewohlweislich am 3. Mai, einem Sonntag, abgehalten, um nicht mit denam 1. Mai aufmarschierenden politischen Gegnern in direkten Konfliktzu geraten.

In den 30er Jahren verschärften sich die politischen Auseinander-setzungen zusehends. Während der sozialdemokratische Maiaufmarsch1933 durch massives Heer- und Polizeiaufgebot erstmals verboten wur-de, feierten die christlichen Arbeiter, bereits am Sonntag, dem 30. April,ganz unter sich im Hotel Wimberger, allerdings unter Beteiligung derallerhöchsten Funktionäre von Staat und Kirche. Die Festreden wurdenvon Kardinal Innitzer und Bundeskanzler Dollfuẞ gehalten.

Am 1. Mai 1934 veranstaltete man ein provokantes Schauspiel durchdie Proklamation der ständestaatlichen Verfassung, zur besonderen De-mütigung der Sozialdemokratie ausgerechnet an diesem Tag. Gleichzei-tig trat auch das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der Repu-blik in Kraft, durch welches die schon lang bestehende Allianz zwischenden Christlichsozialen und der Kirche besiegelt wurde. Auf der Ring-straße defilierten die Stände in malerischen Trachten und historischenKostümen. Die Reaktion feierte ihr großes Fest und war der Meinung,dem Fortschritt zu dienen.

Am 1. Mai 1935 sammelte sich die katholische Jugend nicht mehrauf der Wiese in Neuwaldegg, sondern mit 50.000 in das Stadion beor-derten Schülerinnen und Schülern. Die Spitzen des Staates feierten miteinem Pontifikalamt im Stephansdom.

Zum 1. Mai 1936 erfuhren die österreichischen Arbeiter und Ange-stellten, dass sie» einer Anregung der Bundesregierung Folge leistend<<

281