Margot Schindler, Der andere 1. Mail
Wien- Währing bezieht ihr Patrozinium hingegen auf den Hl. Josef alsSchutzpatron der katholischen Kirche und des Hauses Österreich undfeiert dies jedes Jahr durch eine Festmesse am 1. Mai mit anschließen-dem Fest auf dem Kirchenvorplatz.
Auch auf dem Lande versuchte man dem zunehmenden Einfluss derSozialdemokratie demonstrativ etwas entgegenzusetzen. Das prominen-teste Beispiel ist die Landeswallfahrt vom Liebfrauenberg in Rankweilin Vorarlberg am 1. Mai, mit einer Lichterprozession am Vorabend, dieihre Gründung der Umdeutung eines Kapellweihfestes durch den da-maligen Ortspfarrer verdankt. Dieser wurde 1929 bei der ApostolischenAdministratur mit der Bitte vorstellig, dass die bislang am Fest MariaVerkündigung( 25. März) gefeierte Weihe der Gnadenkapelle, auf den1. Mai verlegt werde,»... damit nicht allmählich auch im Volke die Mei-nung sich festlege, dass dieser Tag nur der Verherrlichung der Revo-lution gewidmet sei«. Aus dieser gewährten Bitte entstand der ab 1946zum Landeswallfahrtstag erklärte 1. Mai in Rankweil, der in den 1950erund 1960er Jahren seine Hochblüte erlebte und seither unterschiedlicheKonjunkturen erfährt.
Am ersten Maisonntag des Jahres 1955 proklamierte Papst Pius XII.vor etwa 200.000 italienischen Arbeitern auf dem St. Peters Platz inRom das Fest»> St. Josef der Arbeiter«<, das alljährlich in der ganzen Weltam 1. Mai gefeiert werden sollte. Der Einführung dieses Gedenktages,eines weiteren Versuchs der katholischen Kirche, dem sozialdemokrati-schen 1. Mai Paroli zu bieten, folgten symbolische Akte, wie etwa Werk-zeugsegnungen in rund 40 Kirchen Wiens am 1. Mai 1961. All dieseBestrebungen blieben jedoch Randerscheinungen im Bewusstsein des 1.Mai in der Bevölkerung.
Von beiden politischen Richtungen von Beginn an und bis heutewahrgenommen, jedoch naturgemäß polemisch in entsprechenden( Zei-tungs-) Artikeln unterschiedlich bewertet, wurde der gleichsam religiöseCharakter des sozialdemokratischen 1. Mai an sich in seiner formalenAnlage wie in seinen symbolischen Ausdrucksformen. Schon die Wahldes Termins des» Hochamts der Sozialdemokratie«( Kurier 1.5.2009)ist nicht zufällig und ließ wohl selbst in den städtischen Arbeitern nochdie mit dem Maianfang verknüpften volkstümlichen Vorstellungen vomFrühlingserwachen zumindest unbewusst auf» keimen«<. In der Parteihis-toriographie wird diese Interpretation abgelehnt. Hier beruft man sichals Gründungs>> legende<< mit bitterem Wahrheitsgehalt auf die gewaltsamaufgelösten Arbeiterproteste in Chicago von 1886, die ihrerseits jedoch
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