274
Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 2
bote zum ersten Mai liefen vielfach parallel bzw. verschränkten sich auchinstitutionell.
Als erster, oberster und einflussreichster Protagonist des christli-chen Lagers reagierte Papst Leo XIII. auf die augenfällig von 1886( blu-tig verlaufene Massenversammlung von Arbeitern auf dem Haymarketin Chicago) bis 1889( Gründung der II. Internationale in Paris) virulentwerdende Arbeiterfrage mit der am 15. Mai 1891 erlassenen Enzyklika>> Rerum novarum«<, in der er schonungslos auf das soziale Problem derrechtlosen und verarmten Arbeitermassen hinwies. Der Wirkung dieserEnzyklika auf den heimischen Klerus wird die Gründung vieler katho-lischer Gesellen- und Arbeitervereine in Österreich zugeschrieben, diesich zunächst einzelnen Gruppen der christlich- sozialen Arbeiterparteianschlossen und später dann mit der bürgerlichen christlich- sozialen( Gesamt-) Partei verschmolzen. Die verbindenden Konstanten der ka-tholischen Arbeiterbewegung und der Christlichsozialen Partei fußtenauf der grundsätzlichen Ablehnung der Sozialdemokratie und ihrer re-volutionären Forderungen, auf theologisch und gesellschaftlich begrün-detem Antisemitismus und auf einer ideologisch aufgebauten Ständeso-lidarität.
Kirchenpolitik im Zeichen erstarkender Sozialdemokratie
Ein Zeichen dieser Entwicklungen war die deutliche Aufwertung desHeiligen Josef in der Heiligenhierarchie und seine Transformation zumArbeiterpatron. Stand er zunächst für den Nährvater der heiligen Fami-lie und hinter Maria und dem Jesuskind stets in der dritten Reihe, sowurde er parallel mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung zum starkenBeschützer und fleißigen Arbeiter. Die neuen katholischen Gesellen-und Arbeitervereine nahmen ihn zu ihrem Patron. Man konnte dabeiauf eine bereits bestehende Josefstradition sowohl in der katholischenKirche als auch im» Haus Österreich«< aufbauen.
Schon im Jahr 1621 wurde der Namenstag des Hl. Josef, der 19.März, zum gebotenen Feiertag in der gesamten katholischen Kirche. DieHabsburger erwählten daraufhin Josef als Taufnamen in ihrer Dynastieund Abertausende ihrer Untertanen mit ihnen. Unter Josef I. erhieltauch der heutige 8. Wiener Gemeindebezirk seinen Namen Josefstadt,und heute fungiert der Heilige Josef als Landespatron von vier öster-reichischen Bundesländern( Tirol, Vorarlberg, Kärnten, Steiermark).