Aufsatz in einer Zeitschrift 
Verwickelt aber tragfähig : europäisch-ethnologische Perspektiven auf ein Stück Stoff: das Babytragetuch
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXV/ 114, 2011, Heft 3

Und natürlich, es gibt Alternativen zur Alternative: Wem dieKunst des Knotens und Wickelns letztlich doch suspekt bleibt40, wersein Kind aber dennoch tragen möchte, findet im Fachhandel so ge-nannte Fertigtragen mit Schnallen, Klick- und Klettverschlüssen, diedann z.B. aus Amerika kommen und Ergo Carrier heißen oder aber ausAsien, dann heißen sie Mei Tai oder Onbuhimo. Der Vielfalt an For-men und Modellen entspricht das Spektrum an Bedenken oder Fragen- mithin die Bandbreite der Konfliktfelder, die sich eben auch um dieTragepraxis ranken.

Die Vorbehalte und Bedenken waren und sind nicht gänzlichverschwunden, die Didymos- Beratungshotline berichtet aktuell vonvielen Anfragen, ob nicht doch die Gefahr der Verwöhnung bestehe.Insgesamt verlaufen die Diskussionslinien gerade hinsichtlich derVerwöhnungsfrage komplex und teilweise überraschend. Währenddie Verhaltensforscherin Evelin Kirkilionis und gegenwärtige Trage-schulen diese Bedenken erwartungsgemäß klar zurückweisen41, finden

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einem wissenschaftlichen Anspruch verbundenen Ausführungen auf S. 117 mitfolgendem explizit wertenden Statement:» Insofern, als das Tragen bei uns eineRenaissance erfährt, bleibt nur noch zu hoffen, daß der Kinderwagen als> Zeiter-scheinung< bald eine Randerscheinung sein wird und unangemessene Sozialisati-onsbedingungen wie diese der Vergangenheit angehören.<<

Die befragte Trageberaterin aus Wien charakterisiert ihre Kundschaft mehrheit-lich als» Bobos<<( bohemian bourgeois;» Konservative in Jeans«<) und beschreibtdurchaus ambivalente Beobachtungen: Einerseits konstatiert sie ein zunehmen-des Interesse an Tragetechniken, andererseits jedoch insgesamt auch vielfacheÄngste, Unsicher- und Unbeholfenheiten beim Binden und Wickeln, weswegenoft und gerne auf die oben genannten» Fertigtragen« zurückgegriffen werde.Gleichzeitig meint sie, bei aller Sehnsucht nach Körperkontakt seitens vieler El-tern auch eine weit verbreitete» Angst vor zu viel Nähe« beobachten zu können.Aus ihrer täglichen Anschauung im multiethnisch strukturierten Wiener BezirkOttakring kann sie die Beobachtung mitteilen, dass das Tragetuch/ Tragen insge-samt assoziativ offensichtlich höchst unterschiedlich besetzt ist: Während ihre>> Bobo- Kundschaft« im Tragen eine Praxis engagierter und avancierter Eltern-schaftskultur erkennt, stellt sich dies für Eltern mit migrantischem Hintergrund,beispielweise aus Afrika, ganz anders dar: sie präferieren angeblich klar den Kin-derwagen. Das Tragetuch symbolisiert hier eher ein Bedeutungsfeld von Rück-ständigkeit bzw. einer nur allzu vertrauten Kultur- und Lebenssituation, die siefroh sind, hinter sich gelassen zu haben.

Vgl. Kirkilionis( wie Anm. 3), S. 17-20 und www.trageschule-dresden.de, Menü-punkt>> Binden& Tragen«<, Unterpunkt 12:» Wenn ich mein Baby dauernd trage,verwöhne ich es dann nicht zu sehr? Durch das Tragen wird ein Baby seiner na-