Aufsatz in einer Zeitschrift 
Verwickelt aber tragfähig : europäisch-ethnologische Perspektiven auf ein Stück Stoff: das Babytragetuch
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXV/ 114, 2011, Heft 3

Auch die Frage des Geschlechterverhältnisses bleibt ambivalent: Inder Diskussion um das Verhältnis von Mutter- und Vaterrolle zeigtsich das Tragetuch inmitten eines diskursiven Spannungsverhältnis-ses: Interessant ist ein Befund aus dem Jahr 1998, wonach angeblichdeutlich mehr Männer als Frauen das Tragetuch ablehnten? 28 Wird eswomöglich als Bestandteil des gesamten attachment- Arsenals als Kom-ponente eines weiblichen Habitus' identifiziert und befördert demnachdie Perpetuierung einer endlosen Mutter- Kind- Symbiose, der nie-mals beizukommen sein wird, und die die neuen Väter als ausgren-zend wahrnehmen? Wird die Körperlichkeit, die es mit sich bringt underzwingt, als unmännlich wahrgenommen und abgelehnt? Immerhinzeigt die Zeitschrift Eltern schon im Jahr 1977, noch als Zeichnung,einen Herrn mit Hut, Aktentasche und Tragetuch( Abb. 3). Es wäreja auch eine gerade umgekehrte Lesart möglich, wonach das Tragetuchgerade den Männern eine körperliche Intimität ermöglicht, auf die an-sonsten die Mütter in der Stillbeziehung bislang das Monopol inneha-ben. Der aufmerksame Blick in Fußgängerzonen und andere Szeneriendes öffentlichen Lebens wie Verkehrsmittel, Naherholungsgebieteoder Flaniermeilen fördert ja gerade auch Tragetuch- tragende Männerzu Tage selbstbewusst, ostentativ, aber auch einfach ganz normal.Ich belasse es bei diesen vorläufigen Überlegungen. Dennoch: denkenwir an Elisabeth Badinter, so ist die Genderfrage auch in Tragefragenlängst noch nicht ausgestanden, das Stück Stoff ist nicht gänzlich freivon sozialem Sprengstoff. Auf der einen Seite gilt das attachment pa-renting und mit ihm das Tragetuch mit seiner deutlichen Forderungnach körperlicher Nähe, Zuwendung und oft auch mütterlicher An-wesenheit als Hindernis im Emanzipationsprozess, als Einschränkungund Preisgabe mühsam erkämpfter Freiheiten, als Naturalisierung ei-

28 Vgl. Bonnet( wie Anm. 16); diese Einschätzungen teilte in der Grundtendenzauch eine Wiener Trageberaterin in einem Interview am 8.4.2011. Sie berichtetevon ihrer Beobachtung, dass bei Paaren die Männer, wenn sie denn zur Tragebe-ratung mitkämen, oft zwar im Prinzip wohlwollend, zunächst aber deutlich zu-rückhaltender seien- oft überließen sie ihren Partnerinnen das Tragen. Wenn siesich jedoch dann dazu entschlössen, dann würden sie die Bindetechnik oft besserbeherrschen als die Mütter, denn sie gingen beherzter und weniger ängstlich zuWerke. Die Dichotomisierung des klassisch bürgerlichen Geschlechterverhältnis-ses zeigt sich hier also möglicherweise nicht nur in der praktischen Dimension,sondern auch in der Erzählung hierüber.