Timo Heimerdinger, Verwickelt aber tragfahig
sicherungspotenzial war dadurch jedoch keineswegs begrenzt- ganzim Gegenteil. Die sich rührende Gegenexpertise kam und kommt imvollen Ornat wissenschaftlicher Seriosität daher. Etliche Fachleute sa-hen sich über die Jahre hinweg dazu veranlasst, derartigen Befürch-tungen schriftlich und wissenschaftlich entgegenzutreten. In Büchern,Artikeln und Stellungnahmen argumentierten sie für die Unbedenk-lichkeit des Tragens von Säuglingen in Tragetüchern im Hinblick aufderen Bandscheiben, auf deren Wirbelsäulen, Hüften und insgesamtderen körperliche Entwicklung. 16 Ähnlich verhielt es sich mit der Fra-ge danach, ob das Kind auch genug Luft bekäme und nicht ersticke:Im Jahr 1999 führte ein interdisziplinär besetztes Forscherteam an derUniklinik Köln eine vergleichende Studie zur Sauerstoff sättigung imBlut von getragenen und von im Kinderwagen beförderten Kinderndurch. Das Ergebnis war eindeutig: Die im Tuch getragenen Kinderhatten nur minimal weniger Sauerstoff im Blut, unterhalb der klini-schen Relevanzschwelle jedenfalls.17 Wirbelsäule, Bandscheiben, Luft
16
17
Ich nenne einige derartig einschlägige Veröffentlichungen, freilich ohne auf De-tails der Argumentation einzugehen und auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit,sie stammen aus den Bereichen der Orthopädie( Ewald Fettweis: Gute Gründefür das Tragen. In: Deutsche Hebammenzeitschrift, 12, 2005, es handelt sich hierum eine unmittelbare Replik auf die Einlassungen Dr. Uwe Görings. Für diedamalige DDR auch Johannes Büschelberger: Das Dyadetuch: eine Möglichkeitzur Wiederherstellung des biologisch vorgegebenen Verhaltens bei der Pflege vonNeugeborenen, Säuglingen und Kleinstkindern. In: Kinderärztliche Praxis 49, 11,1981, S. 572-580, dort auf S. 581f. auch ein kritischer Kommentar eines Kollegenaus Greifswald), der Verhaltensbiologie( Evelin Kirkilionis: Ein Baby will getra-gen sein. Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens. Mün-chen 1999. Dort auch Verweise auf weitere Arbeiten von Kirkilionis seit 1989)und der Physiotherapie bzw. Pädiatrie( so etwa der Kinderarzt Eckhard Bonnet:Diskussionsbemerkung zum Tragen von Säuglingen und Kleinkindern. In: Kran-kengymnastik 50, 8, 1998, S. 1367-1369 bzw. Hans Czermak: Die erste Kind-heit. Ein ärztlicher Ratgeber für das erste und zweite Lebensjahr. Wien 1981, S.43-44. Zusammenfassend und aktuell in Bezug auf die Langzeitwirkungen vgl.die Dissertation von Hilal Kavruk: Der Einfluss des Tragens von Säuglingen undKleinkindern in Tragehilfen auf die Entwicklung von Haltungsschäden im Schul-kindalter. Köln 2010, http://d-nb.info/1000935817/34/( Zugriff: 28.6.2011).Waltraud Stening, Patrizia Nitsch u.a.: Beobachtung der Vitalparameter früh-und reifgeborener Kinder während des Tragens in Tragehilfen. In: MonatsschriftKinderheilkunde 1999, Suppl. 2, S. 160; auch: Dies.: Cardiorespiratory Stabilityof Premature and Term Infants Carried in Infant Slings. In: Pediatrics 110, 5,November 1, 2002, S. 879-883.
321