Aufsatz in einer Zeitschrift 
Verwickelt aber tragfähig : europäisch-ethnologische Perspektiven auf ein Stück Stoff: das Babytragetuch
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXV/ 114, 2011, Heft 3

Das Babytragetuch- zur Geschichte

Die Geschichte des Tragetuchs ist zugleich eine sehr lange und einerecht kurze. Lang ist sie deshalb, weil sich überhaupt nicht bestimmenlässt, seit wann Erwachsene Kinder schon in ein umgebundenes Tuchsetzen, um sie herumzutragen. Die Anfänge verlieren sich in einemZeitraum, für den uns keine Quellen vorliegen. In weiten Teilen derWelt war dies die übliche und einzige Form, sich mit Kind fortzubewe-gen, und rund zwei Drittel der Menschheit praktiziert dies auch nochheute so. Auch in Mitteleuropa gibt es eine Geschichte des Kindertra-die länger ist, als man vielleicht zunächst spontan vermuten mag.Vor der Entwicklung und massenhaften Verbreitung des Kinderwagensab Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts war es unumgänglich, wollteman mit Baby mobil sein, dieses zu tragen. Auch diverse zeitgenös-sische Abbildungen, die Praktiken des Kindertragens z.B. in Körben,Tüchern oder Mänteln zeigen, sind als Hinweise auf diesen Umstandzu lesen. Doch auch aus dem frühen und mittleren 20. Jahrhundert

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7 Diese Angabe findet sich

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allerdings ohne weitere Belege oder Quellen- in:Anja Manns und Anne Christine Schrader: Ins Leben tragen. Entwicklung undWirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen und psy-chosozialen Aspekten(= Beiträge zur Ethnomedizin, 1). Berlin 1995, S. 28. Auchwenn die Autorinnen nähere Hinweise für die Unterfütterung dieser Angabeschuldig bleiben, und die Gesamtausrichtung des Textes eindeutig eine affirma-tive Haltung gegenüber dem Tragen erkennen lässt und es daher im Interesseder Autorinnen gelegen haben mag, hier einen eher hoch gegriffenen Wert zunennen, so scheint die Größenordnung doch insgesamt plausibel.

Zur Kulturgeschichte des Kinderwagens vgl. Jane Redlin: Der Kinderwagen. In:Dies und Julia Dilger: KinderMobil( wie Anm. 6), S. 26-39; Pia Druwe: DerKinderwagen. Elternkultur zwischen Praxis und Prestige.( unveröffentlichte Ma-gisterarbeit, Universität Mainz 2009), insbes. S. 21-33; Werner Koroschitz u.a.( Hg.): Baby an Bord. Mit dem Kinderwagen durch das 20. Jahrhundert. Wien2007, hier bes. S. 16.

Vgl. hierzu Manns/ Schrader 1995( wie Anm. 7), S. 25-27. Gerade die hier zitier-ten Ausführungen( vgl. auch ähnlich den Abschnitt» Trage- Tradition in Europa?<<auf www.didymos.de), die eindringlich zu belegen versuchen, dass es eine spezi-fisch europäische vormoderne Tradition des Kindertragens gegeben habe, welchedann durch Moderne, Industrialisierung, Kinderwagen etc. lediglich» unterbro-chen<< worden sei und die es nun wieder aufzunehmen gelte, sind jedoch nichtvöllig vorbehaltlos zu übernehmen. Selbst wenn dies in der Sache stimmen mag,so sind derartige Erklärungen doch selbst klar als Bestandteile eines agitierendenLegitimations- bzw. Verteidigungsdiskurses zwischen»> fremd« und» eigen«< iden-