Bernd Rieken, Tiefen- und entwicklungspsychologische Zugange[...]
reicht haben.32 Psychologisch betrachtet erfüllt die Spinne in diesemBeispiel mütterliche Funktionen: Der Verfolgte vergräbt sich sozusagenim>> Mutterboden« und wird von dem mit weiblichen Attributen ausge-statteten Tier beschützt. In dem Fall ist die Höhle etwas» Heimeliges<<,doch wenn darin gefährliche weibliche Wesen oder Ungeheuer hausen,wird sie unheimlich. In einer Südtiroler Sage begibt sich ein Bauer indie Wildg'fahrhöhle, worin die riesenhafte Totenkopfspinne wohnt. Siewebt Fäden so groß wie die Haare eines Pferdeschwanzes um ihn, dochals er drei Kreuze macht, lässt sie von ihm ab, und er kann fliehen.33Wenn die Spinne für eine Frau steht und die Höhle für etwas Intimes,dann symbolisiert die Sage jene Ängste, welche hervorgerufen werden,wenn man Intimverkehr haben möchte, aber Angst davor hat. In diesemSinn könnte man etwa eine Sage aus dem Berner Oberland interpretie-ren, in der ein Hirte in einer Höhle einer gebannten Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau begegnet,die ihm drei Gaben zur Auswahl anbietet einen Topf voll Gold, einegoldene Kuhschelle oder sich selbst nebst allen vorhandenen Schätzen.Als Hirte wählt er die Kuhschelle, obwohl sich später herausstellt, dassdie junge Frau, hätte er sie auserkoren, erlöst worden wäre. 34 Für Freudnun steht die Höhlenmetaphorik im Kontext der ödipalen Problematik.Es komme oft vor, schreibt er,
>> dass neurotische Männer erklären, das weibliche Genitale sei ih-nen etwas Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingangzur alten Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der je-der einmal und zuerst geweilt hat.> Liebe ist Heimweh<, behauptetein Scherzwort, und wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oderLandschaft noch im Traume denkt: Das ist mir bekannt, da war ichschon einmal, so darf die Deutung dafür das Genitale oder den Leibder Mutter einsetzen. Das Unheimliche ist also auch in diesem Falledas ehemals Heimische, Altvertraute<<. 35
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Bernd Rieken: Arachne und ihre Schwestern. Eine Motivgeschichte der Spinne vonden» Naturvölkermärchen Glossar ::: zum Glossareintrag Naturvölkermärchen« bis zu den» Urban Legends«<(= Internationale Hoch-schulschriften, 403). Münster u.a. 2003, S. 169.
Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg: Mythen und Sagen Tirols. Zürich 1857( Nachdruck Vaduz 1990), S. 217; vgl. Rieken( wie Anm. 32), S. 178–183.Theodor Vernaleken: Alpensagen. Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vor-arlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich. Graz 1993,S. 125 f.
Freud( wie Anm. 23), S. 267.
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