10 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 1
zunächst darauf hin, dass das Wort heimlich zwei Vorstellungskreisenangehört, nämlich einerseits dem Geheimen, Versteckten und anderer-seits dem Heimischen, Behaglichen.26 Tatsächlich geht heimlich auf Heimzurück>> mit der Ausgangsbedeutung › zum Haus gehörig, einheimisch<;schon von Anfang an auch zur Bezeichnung des damit verbundenen As-pekts: Wer sich in das Heim zurückzieht, verbirgt sich vor anderen, vorFremden<<. 27
Das Heimliche kann also heimelig meinen, aber auch das zu Verheim-lichende, und von dort aus führt ein Strang in den Bereich des Unheim-lichen. Freud spricht in dem Zusammenhang auch vom Gegensinn derUrworte, wenn ein Begriff etwas und gleichzeitig etwas davon Gegen-teiliges bedeutet. Beispiele sind lat. altus hoch, tief; sacer heilig, ver-flucht und im Deutschen stumm, Stimme oder Boden als das Oberste undUnterste im Haus. 28
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Ein Musterbeispiel für den doppeldeutigen Sinn des Heimlichen istdie Höhle. In der Sage hat sie vorwiegend eine warnende oder abschre-ckende Funktion, denn sie gilt als Vorhof der Hölle, als Aufenthaltsortgefährlicher Tiere( Bären, Löwen) oder Wohnsitz grauenhafter Unge-heuer, etwa Drachen und Einhörner. Auch sollen dort einige Frauen-gestalten wohnen, Perchten, Wildfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Wildfrauen, Nixen, Salige oder gebannteJungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen.29 Wenn man Letztere zu erlösen versucht, sieht man sichunter Umständen» schrecklichen Aufgaben gegenüber und entflieht;Wahnsinn und ein früher Tod sind das Resultat dieser Höhlenbegeg-nungen«<..30 Unterkünfte mit derartigen Bewohnern gelten als unheim-lich, doch existiert daneben die gegenteilige Bedeutung, und zwar dann,wenn die Höhle für Außenseiter oder Flüchtige als Zufluchtsort fun-giert. Ein verbreitetes Motiv ist in dem Zusammenhang das Netz vordem Eingang derselben, welches eine Spinne webt, nachdem ein Ver-folgter darin Schutz gesucht und bevor die Verfolger den Eingang er-
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Ebd., S. 248.
Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet vonElmar Seebold. Berlin, New York, 24. Aufl. 2002, S. 402.
28 Sigmund Freud: Über den Gegensinn der Urworte( 1910). In: Studienausgabe, Bd.4: Psychologische Schriften. Frankfurt a. M. 1970, S. 227-234, hier S. 233.Regina Bendix: Höhle. In: EM 6, 1990, Sp. 1168-1173, hier Sp. 1170 f.Ebd., Sp. 1171.
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Vgl. ebd.