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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 3+ 4
gingen mit gutem Beispiel voran, indem sie nicht nur selbst an Ver-anstaltungen und Darbietungen teilnahmen, Tracht trugen und in dieStadt transponierte Bräuche und Spiele darboten, sondern auch indemsie in den Kommunikationsorganen der Bünde und Vereine klare Deu-tungs- und Handlungsanweisungen gaben. Dabei bestätigten sich For-scherInnen, SammlerInnen und AnwenderInnen gegenseitig in ihrerBedeutung als ExpertInnen in diesem auch zum nationalen Anliegenerkorenen Bereich der Ersten österreichischen Republik. Authentizitätund Originalität standen in der Prioritätenliste weit oben, wobei derKonstruktionscharakter des eigenen Tuns, des Erneuerns und Anwen-dens volkskundlicher und volkskultureller Praktiken unthematisiertblieb bzw. als notwendiger Schritt zu einer> verbesserten ‹ Heimatkul-tur erachtet wurde.
Der Arbeiter- Trachtler und die proletarische Trachtenbewegung
Franz Grieshofer stellte hinsichtlich der Traditions- und Trachten-vereine fest, dass es sich bei diesen» um keine Weiterentwicklung dertraditionellen bäuerlichen Kultur, sondern um ein städtisches Phäno-men« handelte. In Österreich fanden jene Trachtenvereine, die zumGroßteil von der Arbeiterschaft getragen wurden, ihre vorrangige Ver-breitung in Wien, den größeren Städten und Industrieorten. Wie auchin der Volkskunde oder der Volksbildung kamen viele Impulse zurAusgestaltung der Heimatkultur aus der Großstadt Wien, deren Funk-tionäre im Laufe der Zeit die Meinungs- und Deutungsführerschaftübernahmen. Es ist anzunehmen, dass die( relativ) breite und ausfüh-rende Masse der österreichischen Volkstanz- und Trachtenbewegungund der städtischen Heimatkultur mit der proletarischen Freizeitkul-tur und Lebenswelt in Verbindung und mit dieser in Wechselwirkungstanden.
11 Franz Grieshofer: Heimat im Verein. Die Gebirgs-, Trachtenerhaltungs- undSchuhplattlervereine als städtisches Phänomen. In: Ders.: Der Weg als Ziel.Ausgewählte Schriften zur Volkskunde( 1975-2005). Festgabe zum fünfund-sechzigsten Geburtstag. Herausgegeben von Margot Schindler unter Mitarbeitvon Dagmar Butterweck, Monika Habersohn und Hermann Hummer(= Son-derschriften des Vereins für Volkskunde in Wien, Bd. 5). Wien 2006, S. 122-132,hier S. 123.