298 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVI/ 115, 2012, Heft 3+ 4
aber strukturell betrachtet nichts anderes ist als der Übergang von ei-ner funktionierenden Ordnung zu irgendeiner anderen«, so könnteman die urbane Heimatkultur als Krisenphänomen sehen. Die öster-reichische Zwischenkriegszeit bedeutete vielfache Übergänge, nichtnur allgemein den Zusammenbruch der alten Ordnung der Donau-monarchie und die Errichtung der Republik mit den wenig erprobtendemokratischen Regeln, die Etablierung von neuen Verwaltungs- undOrganisationseinheiten, sondern auch neue persönliche wie kollektiveGestaltungs- und Teilhabemöglichkeiten.
Die Heimatkultur stellte eine Ordnung und ein Bezugssystem zurVerfügung, das jene» neuen«< WienerInnen ansprach, die erst in ersteroder zweiter Generation in der Großstadt lebten und noch immer> an-kamen<. Manche stammten aus Ländern der ehemaligen k. u. k. Mo-narchie, manche auch aus den österreichischen Bundesländern, vieleaber aus ländlich- dörflichen Strukturen, die man in der Heimatkulturin gewissem Sinne imitierte, vor allem aber urban adaptierte. Die ur-bane Möglichkeit der freiwilligen Teilhabe an dieser sich entwickeln-den Kultur, das Geselligkeits- und Unterhaltungsmoment zeichnetendiese Kultur aus der im Gegensatz zum Zwangscharakter dörflicherStrukturen oder überlieferter Ordnungen stand. Wien als Hauptstadtund einzige tatsächliche österreichische Großstadt war Schauplatz ei-ner» Simultanpräsenz verschiedener nicht selten disparater Möglich-keiten der Lebensführung« ³, die verschiedene kulturelle Angebotestellte. Eine davon war die Heimatkultur, die unterschiedliche Ele-mente kombinierte und so beispielsweise proletarische Ideale mit hei-matlichen Traditionen verband.
Lager- und ideologieübergreifend lässt sich in den Publikationendes heimatkulturellen Feldes erkennen, dass man hoffte, über Erzie-hung und Hinwendung zu Volkstum und Heimat nicht nur das eigeneLeben und das persönliche Umfeld zu verbessern und zu verschönern,sondern auch gesamtgesellschaftliche Ziele verfolgen zu können. Spe-ziell die Vordenker der Bewegung wie etwa der Grazer VolkskundlerViktor Geramb, die in den Zeitschriften besonders präsent waren, wid-
7 Michael Makropoulos: Robert Ezra Park( 1864-1944). Modernität zwischenUrbanität und Grenzidentität. In: Martin Ludwig Hoffmann e.a.( Hg.): Cul-ture Club. Klassiker der Kulturtheorie. Frankfurt am Main 2004, S. 48-66, hierS. 60.
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Ebd., S. 61.