Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde116 (2013) / N.S. 67Schmidt-Lauber, Brigitta; Sulzner, Raffaela; Wietschorke, Jens: Salongespräch zwischen den Generationen mit Hermann Bausinger

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Salongespräch zwischen den Generationen mit Hermann Bausinger : ein Erfahrungsaustausch zur Fachgeschichte
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Salongespräch zwischen den Generationen mit Hermann Bausinger

gab's bestimmt zwei oder drei Kollegen, die mich angesprochen habenund die zu mir gesagt haben:» Ja, ich hab so an Sie gedacht.<< Und ichwusste, was dann kommt. Der eine hatte in Vorarlberg irgendwo einealte Truhe gesehen, der andere war bei irgendeiner Prozession dabeiund sagte:» Alle in Tracht!<< Und so weiter. Das waren Äußerungen,die mich ein bisschen erschreckt haben, weil sie zeigten, wie das Fachdefiniert, nämlich in enge Grenzen eingeschlossen war damals. Und dasah ich eigentlich keine Fortsetzung, beziehungsweise ich sah die Not-wendigkeit, da etwas zu ändern.

Wir sollen ja nun erzählen, wie wir zu dem Fach gekommen sind.Ich bin zum Fach gekommen wie die Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrau zum Kind. Ich hab Ger-manistik studiert. Volkskunde war eigentlich kein wirkliches Studien-fach, als ich begonnen habe. Aber innerhalb der Germanistik gab esauch Seminare über Märchen und Sagen, über Sitte und Brauch. Undirgendwann bin ich hochgepilgert ins Schloss in Tübingen, wo dieseSeminare stattfanden. Utz Jeggle hat mal erzählt, wie er zum Studiumder Volkskunde kam. Er hat es so begründet: Er habe gehört, dass manda rauchen darf im Seminar. Das war in der Tat lange Zeit so, in meinerStudienzeit allerdings noch nicht. Aber die Atmosphäre war locker undsehr angenehm. Das hat mir gefallen. Mir hat aber auch gefallen, wasdort behandelt wurde. Ich hab das mal so erzählt, hab meine Familieeinbezogen: Meine Mutter war keine Akademikerin, mein Vater übri-gens auch nicht, und wenn ich nach Hause gekommen bin, dann wardas eine völlig andere Welt. Also ich kam gar nicht auf die Idee, mitmeiner Mutter über Kafka zu reden. Das hätte sie wahrscheinlich auchnicht ohne Weiteres akzeptiert. Und nun wurden im Seminar plötz-lich Dinge behandelt, über die meine Mutter besser Bescheid wussteals ich: die Festtage im Jahr oder abergläubische Vorstellungen und soweiter. Das war das eine: Dass das durchaus ein familiärer Stoff war,familiär im doppelten Sinn. Und das andere war eigentlich mein Ärgerüber die Art und Weise, wie das behandelt wurde. Es wurde nämlichimmer so behandelt, als gäbe es das alles überhaupt nicht mehr oder nurnoch in ganz dürftigen Relikten. Da kam immer wieder diese Meta-pher: fünf Minuten vor zwölf; man muss in die Scheunen, sammeln imletzten Moment. Und eigentlich war damals für die Volkskundler die-ser Moment fast schon vorüber. Wenn ein Seminar war über Erzähl-forschung, dann war eigentlich die Prämisse: Heute wird nicht mehrerzählt. Ich nehme dieses Beispiel deshalb, weil das für mich eine Pro-vokation war, die ich dann aufgegriffen habe. Ich fand das von Anfang

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