Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

streckten Hände des Juden, die nach der Legende bis zu den Ellbogenverdorrt sind, in den Bildkompositionen meist aber von einem geflügeltenEngel mit Langschwert an der Handwurzel mit einem Streich abgehauenwerden, wobei die abgetrennten Hände allein ins Linnen gekrallt bleibenund aus den vorgestreckten Stümpfen noch dramatisch- drastisch das Bluthervorspritzt, mit Christus, der im Hintergrund steht und in den Armen einmumienartig gewickeltes Kleinkind hält, das die ,, Seele" Marias vorstellt,die in den Himmel aufgenommen wird. Diese ,, Mumienseelen sind auchin anderen Abbildungstypen der frühchristlichen und byzantinischen Sakral-kunst nachzuweisen( Lazarus, die ,, Seelen der Verstorbenen in der Unter-welt auf der Osterikone) und bezeichnen in einer typisch bedeutungsambi-valenten typologischen Übertragung den Toten und das Kleinkind, denVerstorbenen und Auferstandenen, bzw. die eben nach dem Tode weiterle-bende ,, Seele"( vgl. W. Puchner, Akkommodationsfragen. Einzelbeispielezum paganen Hintergrund von Elementen der frühkirchlichen und mittelal-terlichen Sakraltradition und Volksfrömmigkeit, München 1997, S. 28–33,97-105 die Anmerkungen). Die Bildchiffre stammt aus dem ägyptischenTotenbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Totenbrauchtum( Mumienwicklung der Leiche) bzw. der traditionellenKleinkindpflege, wo die Babys eben in ähnlicher Weise ,, gewickelt" wer-den. Im griechischen Totenbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Totenbrauchtum heißen diese Leinenstreifen ,, lazaro-mata, nach dem Bildtypus der Auferweckung des Lazarus, wo der ,, viertä-gige" Verstorbene/ Auferweckte in seiner Grabhöhle aufrecht stehend einge-wickelt wie eine Mumie zu sehen ist, während ein Grabknecht den Höhlen-bzw. Sargverschluß entfernt, der andere ihn loswickelt und sich mit derzweiten Hand die Nase zuhält( der Geruch der viertägigen Verwesung, vgl.W. Puchner, Studien zum Kulturkontext der liturgischen Szene. Lazarus undJudas als religiöse Volksfiguren in Bild und Brauch, Lied und LegendeSüdosteuropas, Wien 1991, Denkschriften der phil.- hist. Kl. der Österr.Akad. d. Wiss., Bd. 216, S. 23-30 und 141-168 die Anmerkungen). Ähnlich,, gewickelt" ist Lazarus auf den bulgarischen Gebildbroten, die am Laza-russamstag zu seinen Ehren und Angedenken verteilt werden. Der byzanti-nische Bildtyp von ,, Mariä Himmelfahrt"( in der Orthodoxie fällt der hoheKichenfeiertag auf den 15. August) veranschaulicht demnach bildlich dieTrennung von Leib und Seele nach dem Verscheiden.

Kretzenbachers jüngste Monographie ist wie immer eine Wanderungdurch die europäische Kulturgeschichte zwischen Ost und West, erstem undzweitem Jahrtausend, Antike und Neuzeit, und birgt wie immer eine ganzeReihe von Denkanstößen und Einsichten in differente mentale Strukturenund Vernetzungen, steht dieses meditative Bilddenken des ersten Jahrtau-sends und des Mittelalters doch heutigen Sicht-Weisen fast diametralgegenüber; auf diesen Bilddarstellungen gibt es keine ,, Adiaphora, Zufäl-