Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIV/ 103, Wien 2000, 183-214
Mitteilungen
Drachen gestern und heute
Vom Wandel eines Feindbildes*
Lutz Röhrich
Von allen Ungeheuern des Märchens, der Sage und der Mythologie ist derDrache das schrecklichste. Wo immer er auftritt, ist er der stärkste und gefähr-lichste Widersacher eines Helden. Anschauliches Beispiel einer Drachenkampf-Erzählung ist das Grimm'sche Märchen von den zwei Brüdern( KHM 60):
Der Held kommt in eine Stadt, die ganz mit schwarzem Trauerflorausgehängt ist. Er erkundigt sich nach dem Grund und erfährt, daß amfolgenden Tag die Königstochter einem Drachen ausgeliefert werden müsse,der vor der Stadt auf einem Berg wohnt und alljährlich eine reine Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauverlangt. Der König hat dem, der den Drachen besiegt, seine Tochter zurFrau versprochen, und er soll auch nach seinem Tod das Reich erben.
Es handelt sich um einen besonders furchtgebietenden, schwer zu besie-genden Drachen, denn er hat sieben Köpfe. Warum gerade sieben? Eskönnten ja auch zehn, hundert oder auch nur drei sein Zahlen, die imMärchen eben eine Vielzahl umschreiben. Daß der Drache gerade siebenKöpfe hat, scheint aber kein Zufall. Er steht damit in der ikonographischenTradition des Drachen aus der Apokalypse, wo die Siebenzahl der Drachen-köpfe einen besonderen Sinn hat. Der Drache symbolisiert dort nämlich dasrömische Reich mit seinen sieben Provinzen.
Daß der Drachensieger die von ihm befreite Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau heiratet und, da sieeine Königstochter ist, auch noch König wird, entspricht den vereinbartenBedingungen und den Erwartungen eines Märchens. Heutzutage mutet esfreilich ein bißchen frauenfeindlich an, wenn die Frau nur einfach eineTrophäe ist und nicht weiter hinterfragt wird, ob ihr der Drachenbesieger
* Dieser Beitrag bringt die gekürzte Fassung eines Vortrags, den Prof. Dr. LutzRöhrich anlässlich der Generalversammlung 2000 des Vereins für Volkskunde inWien am 30. März 2000 im Österreichischen Museum für Volkskunde gehaltenhat. Der Vortrag fand begleitend zur Sonderausstellung vom 29. Februar bis21. Mai 2000 des Österreichischen Museums für Volkskunde und der Österrei-chischen Gesellschaft für Chinaforschung ,, Drache. Majestät oder Monster"
statt.