Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde19 (1913) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
19 (1913) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

Der heilige Mann der Niklai.

151

Auswüchsen und Zutaten der frei schaffenden Volksphantasie über-wuchert wurde.( Zeugnisse bei Grimm, D. M., I, 493 ff.)

Mit Hilfe der älteren Zeugnisse gelingt es jedoch, den ursprüng-lichen Zweck all dieser Bräuche zu erkennen. Es ist ein Zauber, beidessen Ausübung vielfach noch ganz klar und bestimmt die Absichtmaßgebend ist, hinreichenden Regen für die Saat des nächsten Jahreszu erwirken. Die zähe Lebenskraft derartiger Volkssitten kann kaumanders erklärt werden als aus der noch lange nachwirkenden Furcht,daß bei Unterlassung des Zaubers die Feldfrüchte der Dürre zumOpfer fallen könnten.

Schon Mannhardt hat die Bemerkung gemacht, daß gerade beidieser Gruppe von Vegetationsriten die Frau, das weibliche Element,ungewöhnlich stark hervortritt, und es mit dem Gedanken an dasempfangende, hervorbringende Prinzip des Wachstums erklärt, derja tatsächlich im Kult primitiver Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiver Völker eine große Rolle spielt.( B. K., 216 f., 560; Grimm, D. M., I, 176; R. M. Meyer, Altgerm. Reli-gionsgesch., 206; Anm. 2.) Der Regenzauber ist mitunter zugleich einBefruchtungszauber.

Ein solcher wurde noch im vorigen Jahrhundert im oberenDrautal und Mölltal bei der Getreideernte vorgenommen. War einAcker ganz abgeschnitten und das Getreide zu Garben gebunden,so nahmen manchmal die Schnitterinnen eine symbolische Handlungzur Befruchtung des Bodens vor: sie setzten sich auf die Erde, umdieser gleichsam durch die Berührung mit dem empfangendenPrinzip für das folgende Jahr Ertragfähigkeit zu verleihen. ¹) Bei derFülle des bereits bekannten Materials darf ich es mir wohl versagen,neuere Beispiele für den Gebrauch des Regenzaubers aufzuzählen.Der Neuheit halber sei jedoch ein kärntischer Erntebrauch ausdem oberen Glantal erwähnt; denn um einen verwandten Brauchhandelt es sich in Pusarnitz.

Beim Heueinführen im Spätsommer traten die Burschen, wenndie letzte Fuhr von der Wiese gezogen war, zum sogenanntenWeiberbad Glossar ::: zum Glossareintrag Weiberbad zusammen. Man schleppte ein junges Mädchen aus demDorfe, dessen Insassen an der Wiese anteilsberechtigt waren, zurGlan, tauchte sie, wie sie war, in den Fluß und führte sie, nachdemsie noch tüchtig bespritzt worden war, im Triumph nach dem Dorfe.An Stelle des Mädchens trat beim Bad hie und da eine Heupuppe.Auch in Mittelkärnten war es früher allenthalben üblich, die bei derHeuernte beschäftigten Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber an Ort und Stelle, wo ein Bach oderTümpel war, samt den Kleidern ins Wasser zu werfen und erst nachlängerem Bade wieder freizulassen. Das Ganze ist ein derber Scherz,welchen die Leute seit jeher gewohnt sind. Mädchen, denen beimunfreiwilligen Bad oft übel mitgespielt wird, trösten sich damit, daß

1) Mißverständlich gedeutet auf das Ausrasten des Bodens während der Winterzeit.Carinthia 1867, 434.