Seite 82
Urania
ist, wird genötigt, sich um einen Pfosten, an dem derApparat angebracht ist, im Kreise zu drehen. Bei dengermanischen Völkern können wir Gehschulen, wenn auchanderer Art, bis ins Mittelalter zurück verfolgen. Es istaber wahrscheinlich, daß das Landvolk diese Dinge denbürgerlichen Kreisen abgeguckt hat. Die meisten Natur-völker Glossar ::: zum Glossareintrag völker und selbst hochentwickelte Kulturvölker des Orients Glossar ::: zum Glossareintrag Orientskennen derartige Hilfsmittel für die Fort-bewegungsversuche der Kleinen vermutlichgar nicht. Die Redensart jemanden amGängelbande führen" weist darauf hin, daßin deutschen Ländern die kleinen Kinder vonihren Müttern oder Wärterinnen auf dieseWeise in der Kunst des Gehens unterrichtetwurden, was auch durch die Tatsachenbeglaubigt ist. Beim Gehstuhl handelt essich zumeist um einen fahrbaren Holzrahmen,der in den verschiedensten Formen auftretenkann. Wir kennen derartiges von Armeniern,Kurden, Chinesen und auch vielen Stämmender uralaltaischen Völkerfamilie, so von Ost-jaken, Samojeden und Tataren. Variantendieses Apparates dienen manchmal bloßzum Sitzerlernen. Einen„ Gehring", wieich das Objekt bezeichnen möchte, findetman in Paris und bei den Kobena-Indianern Glossar ::: zum Glossareintrag Indianern Nordwestbrasiliens. Es ist einHolzreif, der an Schnüren von der Deckeherabhängt. In diesen wird das Kind hinein-gestellt; so kann es nicht fallen. Wie beiden Huzulen, so gibt es bei russischenVölkern Hohlzylinder oder gehöhlte Holz-klötze, in die das Kind hineingetan wird,sie reichen den Kleinen zumeist bis an dieSchultern. Je nachdem nun das Objekt ver-schiebbar oder unbeweglich ist, gilt es alsGeh oder Stehstuhl.
In allen zur bäuerlichen Wohnung ge-hörigen Räumen fällt es immer auf, daßGegenstände, die aufgehoben werden sollen,irgendwo an der Decke angebracht sind;im Gegensatz zur Wohnung des Städtersfinden wir nämlich hier immer nur sehrwenige Schränke.
Nr. 6
widmet ist. Da sehen wir in Gläsern Kräuter und Samen,die gegen allerlei Leiden helfen sollen. Aus Weidenrindegeflochten, liegt unter anderem ein Gebilde vor uns, dasdas Volk Trudenkreuzl" nennt. Der Bauer legt es untersein Kopfkissen, damit es ihn vor dem gefürchteten heren-artigen Wesen, der„ Trud", beschützen soll. In derselbenAbsicht wird in der Gegend von Gmunden ein gleiches Objekt
pos 4.078
Weiterhin durchschreiten wir die Ab-teilungen für" feld und Tenn-geräte"," Dolfstracht und Volkskunst" und" Bäuerlichen Lebenslauf". Einer glücklicherenZukunft ist die Aufstellung von Objekten vorbehalten,die das„ Sennen", das" fuhrmannsleben",die„ Weihnachtskrippen"," Volksschauspiele" und schließlich das„ west- und unter-steirische Winzerleben" charakterisieren sollen.
In höchstem Grade fesselnd ist ein Kasten, derder Volksmedizin und dem Aberglauben ge-
Abbild. 3. Steirische Bauernkapelle.
Mar Helff sen.
an die Türe gesteckt. Die Bezeichnung Trud leitet sich wahr-scheinlich von„ Thrudr", einer der neun Walküren ab.Es sind dies bekanntlich die Schlachtenjungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Schlachtenjungfrauen, die derdeutschen Mythologie zufolge in Wolken einherschwebenund die verstorbenen Helden nach Walhall zu den Götterngeleiten. Daher auch die Häufigkeit der Namen Gertrud,Waltraute, Helmtraut und dergleichen mehr. Die Trudwird als häßliches frauenzimmer mit verwachsenen Augen-brauenbogen geschildert. Sie beschleicht nach dem Volks