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Osteuropäische Volkskunst : Sonderausstellung der Sammlung osteuropäischer Volkskulturen des Österreichischen Museums für Volkskunde ; 4. April bis 10. Mai 1970
Entstehung
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Vorwort

Volkskunst war einst zweckgebunden, ein-gespannt in eine archaisch- statische Gesellschaft.Moderne Kunst tendiert überall zum Autonomen,obwohl man sie an die Wand hängen kannwie einen Gebrauchsgegenstand. Volkskunst istkonservativ und geschichtsfern, moderne Kunstist progressiv( selbst der minimalste Hardedge-Maler will Bewußtsein verändern) und augen-blicksgebunden( Happening). Volkskunst istbeharrend, moderne Kunst experimentell, dieeine gesellschaftsgebunden, die andere subjektiv,gesellschaftskritisch, die Gesellschaft in Fragestellend, wenn nicht gar sprengend, undstreckenweise tragisch( vgl. den Abschnitt,, Volkskunst" von Werner Hofmann, in: DasFischer- Lexikon, Bildende Kunst II, Frankfurtam Main 1960, S. 268 ff.).

Wo sich beide berühren, streben beide nachAbstraktion, doch ist der abstrahierende Impulseinmal auf Bindung im Ornamentalen, auf deranderen Seite auf entschlüsselnde Verdichtungkomplizierter geistiger Vorgänge der Gegenwartgerichtet.

Der Bereich der Kunst ist unteilbar. Man kannnicht für die ,, moderne Kunst" eintreten undzugleich die Volkskunst ,, ablehnen". Oder um-gekehrt. Die Künstler haben sich anders verhalten.Die modernen Künstler haben sich von derVolkskunst, von der Kunst der Völker, faszinierenlassen. Sie haben aus dieser Quelle Anregungengeholt. Sie haben die Kunst der Völker überhauptals Kunst entdeckt, als Schatz gehoben, alsunverächtlich erklärt. Propagandisten der moder-nen Kunst haben Klassiker und Barbaren Glossar ::: zum Glossareintrag  Barbarengegenübergestellt. Romantische Südseefluchtwurde abgelöst von einem barbarischen Glossar ::: zum Glossareintrag  barbarischen Erneue-rungswillen, der, als ,, Demoiselles d'Avignon"deklariert, die Zeitgenossen schockierte. DieNegerplastik Glossar ::: zum Glossareintrag Negerplastik als Katalysator für kubistischeRaumanalyse bei den Demoiselles Picassosrührte freilich mehr auf als Murnauer Hinter-glasbilder, dämonische Vitalität klärte ab zuplanverspannter, handgreiflicher Raumdichte.Gibt es heute größere Antipoden als Conceptualart und Volkskunst, die sich in Europa-nicht nur seit einer Generation in rapidem Verfallbefindet, sondern überhaupt industrialisiert wurdezum Souvenirmassenartikel. Wo sind die altenbosnischen Kupferschmiede? In Sarajewo ver-arbeiten die Pantoffelschuster Autoreifen. Diormischt den Teppichwebern auf Mykonos dieFarben. Tod am Nachmittag, Tod durch Touris-mus.( Tourismus als eine Form der Industriali-sierung.) Moderne Kunst könnte sich am Beispielder Volkskunst definieren. ,, Volkskunst ist keineGemeinschaftskunst, sondern, ebenso wie dieKunst der Oberschicht, eine Klassen- undStandeskunst"( Hauser). Die moderne Kunstdurchbricht diese Unterschiede, da sie allenSchichten gleich ,, unverständlich" erscheint.Ihre Liebhaber sind nicht mehr klassengebunden.Doch wo sind die Unterschiede? Volkskunstrepetiert Ornamente, Stickereimuster, Kerb-schnitte, Dreiecke und Spiralen auf der Schulterder Plutzer. Moderne Kunst ist neuigkeitssüchtig,das Neue, der neue Blick, der neue Einfall sindtreibendes Kriterium der Moderne. Originalitätist alles. Das Ausgelaugte wird schnell fallen-gelassen, ein Heer von Epigonen folgt Picasso,Duchamp, Mondrian. Neue Tendenzen löseneinander rasch ab.

Volkskunst kommt aus dem anonymen Under-ground. Das Anonyme ist für viele moderneKünstler Sehnsuchtsland. Allerdings arbeiten( noch) die meisten auf die Künstlerpersönlich-keit hin, auf reklamewirksame Kennmarke( unterWeglassung des Vornamens). Zwischen wirt-schaftsbedingtem Coup und asketischemKünstlerbekenntnis schiebt sich der Designerder guten Form" vor, vielleicht ist er derlegitime Nachfolger des Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitiven einer ,, ange-wandten Kunst", die heute an der Industriali-sierung dahinsiecht.

Ob diese Ausstellung ein Abgesang auf einegute, alte Zeit wird, oder ob sie imstande ist,über den Augenschmaus hinaus geistig anzuregenund vielleicht schöpferisch zu beflügeln, das wirdsich erweisen. Überdies verfolgt die Ausstellungden Zweck, Schrittmacher zu sein für dieEinrichtung eines ,, Ethnographischen Museums"in dem schönen burgenländischen Schloß Kittsee.Hoffentlich kann dieses Vorhaben, den Exponatendort ein Domizil zu schaffen, wo eine der Pfortenzum Osten ist, mit Hilfe des Bundesministeriumsfür Unterricht, der Burgenländischen Landes-regierung, des Bundesdenkmalamtes und desÖsterreichischen Museums für Volkskunde ver-wirklicht werden.

MUSEUM

Alfred Schmeller

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