Ein Museum für die Weltlosen!
Zur neuen Schausammlung„ Die Küsten Österreichs"
im Volkskundemuseum Wien
Von Alexander Martos und Niko Wahl
Im vorvorletzten Raum bröckelt der Putz. Die Schausammlung desVolkskundemuseum Wien ist sichtbar in die Jahre gekommen. Neuauf-gestellt im Jahr 1994, war man mit einem- zu seiner Zeit- visionärenDisplay von Elsa Prohaska daran gegangen, die alte Sammlung aufden Stand der damaligen Forschung zu bringen. Dabei ging es nichtnur um Methoden. Die historisch schwer belastete Volkskunde, unter-wegs zur Neuerfindung als Europäische Ethnologie, war ähnlich wiedie Völkerkunde( aka Kultur- und Sozialanthropologie) tief verstrickt.Verstrickt nicht nur in die Fabrikation von völkischen Vorurteilenund Rassismen, sondern auch in ihre Verbreitung- so machte mansich auch am Volkskundemuseum als Ideenlieferant, Trachtenbera-tungsstelle wie auch Organisator von Großveranstaltungen politischnützlich. Die research dissemination trug letztlich- im Rahmen derMöglichkeiten einer wissenschaftsbasierten Bildungseinrichtung- zuraustrofaschistischen und später nationalsozialistischen Hegemonie inÖsterreich bei.
Die Volkskunde ist ein wissenschaftlicher Denkstil, der um 1900 ange-treten war, das Volk von unten in die Mitte zu heben. Doch schon baldhatte sie sich in völkischem Eifer mit den Milizen der Eigentlichkeit insBett gelegt. Die Tatsache, dass die Österreichisch- Ungarische Monar-chie- im formalen Sinne- nicht über Kolonien verfügte, machte dieepistemische Gewalt der Disziplin öffentlich bloß weniger sichtbar.
Die Neuaufstellung der Dauerausstellung im Jahr 1994 ist dennoch indiesem Kontext zu sehen. Sie war weniger Publikumsschau als Aufstel-lung einer universitären Sammlung und versuchte die kampfeslustigedoxa( Lehre) und die toxischen Artefakte durch Containerbegriffe und
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