Formenreichtum der Tracht, der Sprache, der Musik und der Lebensweise betrachten.Wenn man dazu auch noch die Erfahrungen der westlichen Nachbarn benützte, könnteman den„, ungarischen Stil" in der Kunst schaffen. Er betrachtete„ den wunderbarenSchnurbesatz, die Szűrkragen nach originellem Schnitt, die geschmackvollen Wöl-bungen unserer Hüte"( zit. nach Kerserű 1988: 120) als einen wesentlichen Teil derursprünglichen ungarischen Tracht.
Nach der Gewaltherrschaft, die der Revolution und dem Freiheitskampf von 1848/49folgte, betrachtete die nationale Kunst es als ihre wichtigste Aufgabe, die Geschichte,den Reichtum der Nation und die Schönheiten des Landes zu präsentieren, um so zurEntwicklung eines Nationalbewusstseins beizutragen bzw. dieses zu stärken und zuerhalten. Dabei wurde in der Malerei die Darstellung realistischer Lebensszenen etwasin den Hintergrund gedrängt. Ab den 1860er Jahren herrschten also historisierendeDarstellungen vor, mit denen nationales Selbstbewusstsein durch das Hervorholen einerkollektiven Vergangenheit gestärkt werden sollte. Nach damaliger Auffassung schiennach der historischen Malerei die Darstellung volkstümlicher Lebensbilder ebenfallsdazu geeignet, den Nationalcharakter zu betonen. Die Genremalerei lebte einerseitsvom ausländischen Interesse, andererseits von der Wiedergabe ungarischer Themenund Figuren, was sie auch für die eigene Bevölkerung interessant machte. Seit jenerZeit sind auf einschlägigen Gemälden Pferdehirten, Betjaren sowie die Tiefebene mitihrem weiten Horizont allgegenwärtig. Viele der Gemälde spielen auf damals moderneund erfolgreiche Volksstücke bzw. Szenen und Topoi aus der Dichtung an.Einerseits wählte man romantische Themen und Figuren, andererseits widmeten sicheinige Maler auch weiterhin realistischen Darstellungen. Ein gutes Beispiel für dieseGruppe von Malern ist Mihály Szemlér( 1833-1904), gehörte er doch zu jenen, die mitStudien vor Ort und mit Hilfe vieler Zeichnungen dokumentarische Szenen auf dieLeinwand brachten. Szemlér studierte die Lebensweise der Hirten und Betjaren inTransdanubien. Dabei konzentrierte er sich auf ihre Tracht, von der er viele Skizzen undZeichnungen anfertigte. In den 1860er Jahren zählte er zu den bekanntesten Malern,die ,, nationale" Genrebilder schufen. Viele erst später bekannt und beliebt gewordeneKünstler fertigten zu jener Zeit ebenso volkstümliche Genrebilder an, die sich mit derAlfölder Landschaft und dem Hirtenleben, den Hirten und Betjaren beschäftigten( z.B.József Molnár, 1821-1899).
Die„ nationale" Eigenart dominiert auch bei der Darstellung von Hochzeitsfesten undanderen Vergnügungen. Der Tanz als„, nationale" Besonderheit war ein außerordentlichbeliebtes Thema, das man mit Darstellungen von Körperhaltung und Tracht verband.Diese Bilder standen immer noch in der Tradition des Biedermeier- Realismus. Der ausbäuerlichem Milieu stammende Jankó János( 1833-1896) studierte wie die meisten derungarischen Maler an der Wiener Kunstakademie und ist zunächst ebenfalls demBiedermeier- Realismus zuzurechnen. Er war der Erste einer Gruppe von Malern, diesich langsam vom Realismus entfernten und allegorisch- romantische Genrebilder( z.B.die Geburt des Volksliedes) anfertigten. Eine Version des Bildes ,, Die Dorfschönheit wirdzum Tanz gebeten"( 1867) ist eines seiner zahlreichen Bilder, die Hochzeitsfeierlichkei-ten darstellen. Auf diesem wie auch auf anderen Bildern Jankós ist eine Figur allgegen-wärtig ein Mann, der einen Cifraszűr um seine Schultern geworfen hat. DiesesKleidungsstück ist auf den volkstümlichen Genrebildern deswegen immer zu finden, weiles- wie schon aus dem Zitat von Ormós zu erkennen war- für das ursprünglichsteStück der ungarischen Tracht gehalten wurde.
Der Szűr kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Kleidungsstück langsam aus derMode, lebte jedoch als symbolischer Gegenstand weiter. Schriftsteller, Dichter und Malerbenutzten ihn oft als gestalterisches Element, um Emotionen zu versinnbildlichen. BeiKálmán Mikszáth z.B. ist er ein durch und durch positives Symbol für sein langevergangenes Leben in Szegedin, für das alte Szegedin im allgemeinen.„ Und bitte, aufeinmal tritt ein Bursch aus den Kulissen in einem weißen Cifraszűr, aus dem unten grauesSeidenfutter hervorlugt. Und dieser Szűr beginnt auf einmal, wenn ich ihn betrachte, zu
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