Darstellungen des Cifraszűr in der Malerei undGrafik des 19. Jahrhunderts
Die nationale¹ Kleidermode, die gegen Ende der 1850er Jahre ihren Ausgang nahm,stellte trotz ihrer kurzen Dauer kein isoliertes Phänomen des ungarischen geistigenLebens dar. Die Nationalbewegung erfasste alle Bereiche der Kultur. Besonders in derBildenden Kunst gingen sichtbare Veränderungen vor sich. Arbeiten mit„ nationalem"Thema waren weit verbreitet und beliebt. In diesem Zusammenhang kam schließlichauch dem Cifraszűr eine bedeutende Rolle zu. Seine Allgegenwart auf den Weltausstel-lungen belegt, wie dieses Kleidungsstück zu einem emblematischen, symbolischenGegenstand hochstilisiert wurde und wie es im Bewusstsein aller Gesellschaftsschichtenverankert war.
In den Mittelpunkt des ausländischen, besonders des österreichischen, deutschen undfranzösischen Interesses traten ab den 1820er Jahren die Figur des Pferdehirten unddes Betjaren der großen Tiefebene und die Puszta selbst. Die„, Entdecker" der Tiefebeneund ihrer Hirten waren österreichische Künstler der Romantik( z. B. der Dichter NikolausLenau und der Maler August von Pettenkofen sowie deren Freunde), die mit ihrenWerken zu dieser Thematik in kurzer Zeit große Erfolge feierten. Die breite Anziehungs-kraft der Puszta und ihrer Bewohner ist auch dem französischen Interesse an derOrientalistik Glossar ::: zum Glossareintrag Orientalistik zu verdanken. Reisende und Künstler sahen die ungarische Tiefebenebereits als exotischen Ort- eine Reise nach Ungarn war immer eine„ Voyage en Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient“.Die Intention der Reise des Malers Théodore Valério war der Besuch der Schlachtfelderdes europäischen Kampfes gegen die Türken. Er hatte zwar keinen längeren Aufenthaltgeplant, blieb jedoch fast zwei Jahre, in denen er 66 Aquarelle und 51 Bleistiftzeich-nungen anfertigte. Unter Verwendung seiner Skizzen stellte er 1853-1855 auch Radie-rungen her, an deren Publikation mitteleuropäische Firmen beteiligt waren². So wurdenseine Darstellungen innerhalb kurzer Zeit in der Region- besonders in aristokratischenKreisen bekannt. Seine Werke dienten ab den 1860er Jahren sogar mehrmals derAnfertigung von Lithographien der Volksgruppen des Habsburgerreiches oder als Illu-strationen in diversen Zeitungen.
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Valério reiste in Ungarn umher, verbrachte aber die meiste Zeit seines Aufenthalts in derTiefebene, d.h. in der Nähe von Szolnok, jenseits der Theiẞ. Seiner Ansicht nach beganndort jener zauberhafte, an malerischen Themen so reiche Landstrich, den ein Künstleraus dem Westen anderswo nicht finden konnte. Die von ihm geschaffenen Hirtengestal-ten tragen sehr oft einen unverzierten Szűr, der wohl die Frühzeit der Alfölder Szűrtracht( 1840er Jahre) widerspiegelt. Die ursprünglichen Aquarelle und Zeichnungen der Hirten-und Betjarenfiguren folgen nicht den Mustern der damals üblichen Genrebilder, sonderndienten mehr der Dokumentation. Valérios Werke wandelten sich völlig, wenn er vonihnen eine Kopie für Mäzene oder Sammler anfertigte. Dem preußischen König schickteer z. B. eine Radierung mit typischer Pusztaromantik, wie sie in der deutschen Literaturverbreitet war. Ebensolche romantische Idealisierungen sind auch auf anderen Radie-rungen Valérios zu erkennen.
1,, national" ist in diesem Text nicht als„ landesweit", sondern stets als„ ,, die ungarische nationale Ideeverstärkend, repräsentierend" zu verstehen.
2,, Costumes de la Hongrie et des Provinces Danubiennes, Dalmatie, Monténégro, Croatie, Slavonie,Frontieres Militaires. Dessiné d'après nature gravés à l'Eau- Forte par Théodore Valério, Paris,Librairie Centrale des Beaux- Arts".
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