Der Cifraszűr als nationales Symbol
Kleidung und Sprache waren in Ungarn stets auf ganz besondere Art mit nationalenBestrebungen und politischem Widerstand verbunden. Die ungarische Tracht, die sichim Bereich der Herrenbekleidung an die türkische Kaftan/ Hosen- Kombination anlehnte( was übrigens auch für die russische und polnische aristokratische Kleidungstraditiongalt), war gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch den Einfluss europäischer Modeströ-mungen im Verschwinden begriffen. In den Maßnahmen von Josef II.( die Stephanskronekam nach Wien, die deutsche Sprache wurde zur alleinigen Amtssprache im Reich usw.)sahen die ungarischen Adeligen einen Angriff auf ihre nationale Selbstbestimmung undaristokratischen Vorrechte. Sie protestierten dagegen unter anderem durch die neuerli-che Verwendung„ nationaler" Kleidung: ,, Und die Ungarn¹ standen auf, die, die deutschesGewand angelegt hatten, schmissen dieses fort, ließen sich Schnurrbärte wachsen, undauch die Deutschen plauderten Ungarisch."( zeitgenössische Erinnerung, zit. nachFlórián 2001: 31) Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte die ungarische Aristokratiemit neuen Strategien gegen den Kaiserhof anzutreten. Man schlug sich auf die Seite derBürgerlichen und verschrieb sich dem Liberalismus. Die ungarische liberale Reform-bewegung( Reformzeit 1830-1848) trieb neben der Auflösung der feudalen Verhältnisseeine völlige neue Idee der nationalen Selbstbestimmung voran: Man wollte nur mehrdurch die Person des Herrschers an das Habsburgerreich gebunden sein. In dieserBewegung erhielt die Tracht neuerlich eine zentrale Symbolik. Quer durch alle Gesell-schaftsschichten wurde sie nun sowohl bei höfischen Zeremonien als auch auf Ver-anstaltungen rund um Komitatsversammlungen sowie bei Parlamentssitzungen getra-gen. Schneider, die sich der Sache verbunden fühlten, passten den altertümlichenSchnitt der Kleidungsstücke den Modeströmungen des 19. Jahrhunderts an. Der kurzeMente( Husarenrock) wurde auf die Länge des Salonrocks gebracht, und statt derüppigen goldenen Bänder verwendete man einfache Verschnürungen. Diese modischeEntwicklung nennt man Díszmagyar( festlicher ungarischer Anzug).
In der nationalen Tracht der Reformzeit fand der Cifraszűr nur im westlichen Teil desLandes Verbreitung. Es gibt aber auch in Aufzeichnungen aus anderen GegendenHinweise, dass in einigen Grafenfamilien zum Fasching für Kinder Betjaren- Verklei-dungen angefertigt wurden. Die Betjaren- Romantik wiederum kann als Teil einer natio-nalen Besinnung gesehen werden. Weiters ist festgehalten, dass bei den Wahlen zumReichstag im Jahre 1847 Baron Frigyes Podmaniczky einen Cifraszűr trug. Hinter seinerWahl stand Lajos Kossuth² mit dem von ihm initiierten Schutzverein zur Förderung derheimischen Textilindustrie.
Für das erstarkende ungarische Nationalgefühl waren die Geschehnisse der Jahre1848/49 wesentlich. Unter dem Eindruck der Revolution in Budapest am 15. März 1848akzeptierte der Herrscher die durch den ungarischen Reichstag verabschiedeten Ge-setze, welche die bis dahin größten Umwälzungen in der neueren ungarischen Ge-schichte einleiteten. Die bürgerliche Gleichberechtigung wurde verwirklicht, die Presse-freiheit proklamiert und die Leibeigenschaft aufgehoben. Nun konnten auch eine unab-hängige ungarische Regierung und ein Reichstag, in dem das Volk auch wirklichvertreten war, gebildet werden. Die Umsetzung der geforderten Rechte mündete schlieẞ-lich in einen Freiheitskampf für die Unabhängigkeit Ungarns, der von den österreichi-
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1 Der„, Ungar" war in der ungarischen Geschichte niemals gleichbedeutend mit„, ungarischsprachig".Zum Ungarntum bekennt man sich, weshalb auch jemand mit deutscher oder kroatischer Mutterspra-che ,, Ungar" sein kann.
2 Lajos Kossuth ist die wichtigste Figur des ungarischen Widerstandes 1848/49 gegen die Habsburger,nach dem in Ungarn zahlreiche Straßen und Plätze benannt sind.