Druckschrift 
Schätze des jüdischen Galizien : Begleitheft zur Ausstellung des Museums für Ethnographie und Kunstgewerbe, Lviv, Ukraine ; Schloßbergmuseum Chemnitz, Deutschland ; Jahresausstellung 2005, 20.03.2005 bis 1.11.2005, Ethnograpisches Museum Schloss Kittsee
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

4. schpanyer arbet- jüdische Hohlspitze

" schpanyer arbet"- das ist der jiddische Begriff für einegalizische Spezialität: eine Hohlspitze aus Metalldraht.Daraus gefertigt wurde Kopf-, Schulter- und Brust-schmuck, den Frauen und Männer an Festtagen in derSynagoge trugen.

Die Technik

ist im Kern eine Posamentenarbeit; einmalig an ihr ist,dass die Herstellung und Verarbeitung der Hohl-schnüre an einem Arbeitsgerät durchgeführt wird, dassalso drei Arbeitsprozesse( Flechten, Weben und Posa-mentierarbeit) integriert werden.

Wie geht es nun genau? Auf vier schwere Klöppel( jid.:klippers), deren Gewichte für die nötige Spannung sor-gen sollen, sind vier Baumwoll- oder Leinenfäden auf-gewickelt. Diese werden über Haken an der Oberkantedes Arbeitsstuhls( jid.: gorn) geführt und zu einem mitRosshaar gefüllten Rollenkissen umgelenkt, das auf derStuhlfläche drehbar gelagert ist. Von diesen vier Strän-gen sind die beiden Äußeren( jid.: zeitn schnirn) sehrdünn, die beiden Inneren( jid.: snoves) ungleich dick.Auf dem Kissen sind drei Weberschiffchen( jid.:schitzen) mit einem Plätt( einem einfachen odergemusterten Flachdraht) und zwei Zeugfäden( einemfeinen, um eine Baumwollseele gesponnenen Metall-draht) angebracht. Mit diesen Weberschiffchen wirdaus den vier textilen und den drei metallenen Kompo-nenten die Hohlschnur hergestellt. Diese wird dannauf dem Arbeitskissen entsprechend dem darauf befes-tigten Musterbrief geformt, gelegt und befestigt.

Die Herkunft

dieser ungewöhnlichen Technik gibt noch viele Rätselauf. Bezeugt ist, dass um 1830 der russische JudeMordechai Leib Margulies aus Berdischew geflohen ist,um der Rekrutierung für die Zarenarmee zu entgehen.Er hatte heimlich mehrere Rollen Silberdraht mit-genommen und ließ sich nun im ostgalizischen Sasównieder, wo er ein Arbeitsgerät baute und zu pro-duzieren begann. Doch diese Spur führt nicht weiter,denn aus Russland sind keine Vorläufer dieser Technikbelegt.

Der Name bietet ebenfalls Anlass zu Spekulationen. Ist" schpanyer" vom jiddischen Wort für Spinnen( schpinen) abgeleitet oder von Spanien( schpanyen)?Wenn letztere, die wahrscheinlichere Möglichkeit,zutrifft, worauf verweist dann der geographischeBezug? Dass spanische( sefardische) Juden diese Tech-nik nach Berdischew gebracht haben sollen, ist sehrunwahrscheinlich, denn der Stützpunkt dieser Judenwar in Lemberg. Vermutlich ist der Name vom allge-meinen Fachbegriff für Metallspitze( punto di Espagna,point d'Espagne) abgeleitet.

Die Entwicklung

der Produktion in Sasów ist sehr erstaunlich: Aus demFamilienbetrieb wurde ein großes Unternehmen, indem in der Blütephase 1860 bis 1890 rund 180Handwerker( jid.: schpanyer machers) arbeiteten. Siebenötigten eine dreijährige Ausbildungszeit; Frauenund Kinder waren als Hilfspersonal zugelassen. Dieganze Arbeitstechnik wurde geheimgehalten.Schwierig war die Beschaffung der Metalldrähte. Mar-gulies schmuggelte sie zunächst aus Russland, späterbezog er sie aus Österreich und Deutschland. BeideHürden waren so hoch, dass es zu keiner Nachahmungkam. Tausende von in langwieriger Handarbeithergestellten Schmucktextilien wurden nach ganzOsteuropa und in die USA exportiert; oft musste manmonatelang auf die Erledigung der Aufträge, bei denenauch individuelle Wünsche berücksichtigt werdenkonnten, warten.

Die günstige Lage von Sasów zwischen Brody undLemberg, den wichtigsten Zentren des jüdischen Fern-handels, begünstigte dieses erstaunliche Monopol. Einweiterer Erfolgsgarant war die enge Kooperation mitden jüdischen Händlern von Kolomyjza, wo man aufdie Herstellung von Gebetsschals spezialisiert war.Ungewöhnlich ist auch, dass dies die einzige textileTechnik ist, die in Galizien ausschließlich von Judenfür Juden angewandt worden ist. Ansonsten haben wireine breite Einbettung des jüdischen Kunsthandwerksin die regionale Tradition.

21