Galizische Juden waren aber auch sehr offen gegenübermystischen Bewegungen. Die" Lurianische Kabbala"eröffnete in der schweren Zeit der Kosakenkriege( Mitte 17. Jahrhundert) neue Transzendenzerfahrun-gen. Auch die damalige" sabbatäische Bewegung" fandkurzzeitig viele Anhänger. Dauerhafte Wirkung wardem" Chassidismus" beschieden, der Mitte des18. Jahrhunderts entstand und einige Elemente derfrüheren Bewegungen aufnahm. Seit Anfang des19. Jahrhunderts breitete er sich in ganz Galizien ausund bildete eine sehr starke Komponente des jüdi-schen Lebens.
Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert war Ostgalizien einjüdisches Kernland. Nur in wenigen anderen RegionenEuropas gab es eine so kontinuierliche, flächen-deckende und starke jüdische Siedlung. In der Mittedes 19. Jahrhunderts lag der Anteil der Juden an derGesamtbevölkerung bei 12%( zum Vergleich: West-galizien 8%). Die Städte mit den höchsten Bevölke-rungsanteilen waren damals Brody( 80%), Tarnopol( 50%) und Lemberg( 30%)
In der Großstadt Lemberg
war die Situation deutlich anders als auf dem Landeoder in den Kleinstädten oder in den wirtschaftlichprosperierenden Mittelstädten. Das lag zum einen ander völlig anderen Größenordnung und der Metropol-funktion dieser Stadt, zum anderen am Rechtsstatusder Stadt wie auch der Juden. Lemberg war einekönigliche Stadt, die rechtliche Situation der Judenberuhte daher auf den Toleranzpatenten des polni-schen Königs.
Im Fernhandel tätige Juden waren in Lemberg schonseit der Gründung durch Fürst Danylo ansässig,darunter auch die jüdische Sekte der Karaiten, die dasTraditionsprinzip ablehnen und der wörtlichen Erfül-lung der Tora verpflichtet sind. 1356 erhielten dieLemberger Juden in einem königlichen Privileg diekommunale Selbstverwaltung mit eigener Gerichts-barkeit.
Die Einwanderungswelle der aschkenasischen Judenprägte auch Lemberg. Im 15./16. Jahrhundert waren
die älteren jüdischen Traditionen in denen der aschke-nasischen Neuankömmlinge aufgegangen. Seit dem16. Jahrhundert kamen auch sefardische Juden hinzu;sie hatten sich nach ihrer Vertreibung aus Spanien imJahre 1492 in Griechenland und im OsmanischenReich niedergelassen und bauten Lemberg zu einemwichtigen Brückenkopf für den Großhandel mit demOsmanischen Reich aus.
Das multiethnische und multikonfessionelle Lembergbot den Juden einen grundsätzlich anderen Rahmenals die Dörfer und Städte Galiziens mit den auf Feu-dalrollen festgelegten Polen und Ruthenen. DieLemberger Juden waren weder auf den polnischenAdel orientiert noch auf ruthenische Bauern. Siewaren vielmehr eine von vielen ethnischen Gruppenin einer Stadt, die als bedeutende wirtschaftlicheDrehscheibe eine solche Vielfalt benötigte. Die starkePräsenz von Armeniern und Griechen, aber auchDeutschen, Italienern und Schweden relativierte dieanderswo so auffällige Sonderrolle der Juden.
Der Hauptkonflikt lag in Lemberg bei der starkenKonkurrenzsituation mit den christlichen Handwer-kern der Stadt und der Dominanz in einigen Gewer-ben. Im Jahre 1708 gab es zum Beispiel 50 jüdische und47 christliche Schneider. Noch extremer war das Ver-hältnis bei den Kunsthandwerkern, zum Beispiel beiden Goldschmieden( 40 zu 10), bei den Filigranarbei-tern( 10 zu 1) oder bei den Zinngießern( 18 zu O). EinGesamtbild bietet uns die Statistik aus dem Jahre1820: In Lemberg wurden 745 jüdische Handwerkergezählt ein Viertel der gesamten Handwerkerschaftwie auch der berufstätigen Juden. Weit mehr Judenallerdings( 55%) waren im Handel tätig. Die jüdischenHandwerker waren in eigenen Zünften organisiert, dieganz ähnliche Funktionen hatten, wie die christlichen.
In Lemberg gab es seit dem Mittelalter zwei jüdischeWohngebiete mit je einer eigenen Synagoge. Die wohl-habenden Juden, oft im Fernhandel tätig, wohnten in-nerhalb der Stadtmauer; 1387 ist die Judengassebezeugt, 1411 der Friedhof. Ihre Synagoge war die voneinem italienischen Architekten 1571 erbaute Golde-ne Rose( jid.: Di Gildene Roiz). Die Handwerker und
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