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Schätze des jüdischen Galizien : Begleitheft zur Ausstellung des Museums für Ethnographie und Kunstgewerbe, Lviv, Ukraine ; Schloßbergmuseum Chemnitz, Deutschland ; Jahresausstellung 2005, 20.03.2005 bis 1.11.2005, Ethnograpisches Museum Schloss Kittsee
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2. Juden in Ostgalizien: ein historischer Überblick

In Dörfern und Kleinstädten

hatten die Juden im Mittelalter und in der frühenNeuzeit eine ebenso starke wie vielseitigePosition. Zwar waren Juden bereits im hohen Mittel-alter, zur Zeiten der Fürsten von Galizien- Wolhynienbezeugt. Eine völlig neue und tragende Rolle spieltensie aber erst im späten Mittelalter und in der frühenNeuzeit, als der König und Adel Polens neue Siedlerins Land zog. Ein adeliger Stadtherr erteilte bei derNeugründung einer Stadt den aus Mittel- und West-europa seit dem späten 14. Jahrhundert zuziehendenaschkenasischen Juden erhebliche Rechte, nämlichfreie Religionsausübung, Sondergerichtsbarkeit, volleGewerbefreiheit und das Recht, Grundbesitz zu er-werben. Diese außerordentlich günstigen Bedingungenließen Polen als das" Gelobte Land" für Juden inEuropa erscheinen. Da im späten Mittelalter Unter-drückung und Vertreibung in Mittel-, West- undSüdeuropa immer stärker wurden, kam es zu einergroßen Einwanderungswelle, die den Schwerpunkt desaschkenasischen Judentums nach Osteuropa verschob.

Die Juden übernahmen eine vielseitige, starke und ein-trägliche Gelenkfunktion in der feudalen Gesellschaftzwischen dem polnischen Adel( schlachta) und denruthenischen abhängigen Bauern. Juden exportiertendie landwirtschaftlichen Produkte, verarbeiteten sie inMühlen und Brauereien zu Handelsware und vermark-teten diese wiederum als Schankwirte. Im Gegenzugimportierten sie alles, was der Adel an Waren fürseinen Lebensstandard benötigte. Juden waren häufigauch als Geldverleiher und als Steuerpächter tätig.Doch die Bindung an den Adel ging noch erheblichweiter: Adelige Grundherren verpachteten ihreLandgüter in sog. Arrenda- Verträgen mit allen Besitz-und Nutzungsrechten gegen eine feste Summe anJuden. Da die Adeligen in den Städten oder aufSchlössern lebten, waren die jüdischen Pächter ausSicht der Bauern die" Subunternehmer" eines nicht inErscheinung tretenden Feudalherrn.

Die rechtliche Privilegierung wie auch die einträg-lichen ökonomischen Spezialfunktionen und das

Arrenda- System schufen Feinde: die städtischenHandwerker und Kaufleute, denen die jüdischeKonkurrenz lästig war, oder die Landbevölkerung, diewirtschaftlich und rechtlich außerordentlich stark vonden Juden abhängig war, oder die katholischenGeistlichen, denen es missfiel, dass die juden-feindlichen Dekrete der Konzilien und Päpste in Polende facto nicht angewandt werden konnten.

Als ab 1591 die Kosaken sich gegen Polen wandten,konnten sie mit dem Schlachtruf" Schlage den Polen,Schlage den Juden!" die ruthenischen Bauern leichtauf ihre Seite ziehen. Diese erhoben sich gegen die dasFeudalsystem verkörpernden Juden. Allein in denJahren 1648-57 sind in Ostgalizien über 100.000 JudenOpfer der Kosakenangriffe und der sie begleitendenruthenischen Pogrome geworden.

Über 200 jüdische Gemeinden gab es in Ostgalizien,und zwar im ganzen Lande verteilt. Häufig leben dieJuden in besonderen Wohnvierteln- wie die meistenethnischen Gruppen-, selten jedoch in abgegrenztenGhettos. Eine jüdisch geprägte Kleinstadt, das schtetl,wirkte schon auf Zeitgenossen recht pittoresk. Der un-regelmäßige Grundriss lag unter anderem daran, dassJuden Kopfsteuer und keine Grundsteuer bezahlen;somit kamen der Größe und der Form eines Grund-stückes kaum eine Bedeutung zu. Zu einem voll aus-geprägten schtetl gehörten eine Reihe von besonderenGebäuden: die Synagoge( jid.: schul), das Ritualbad( hebr.: mikwe), das Lehrhaus( hebr.: beit ha- midrasch),das Haus des Rabbiners, das Haus des Kantors( hebr.: chasan), der koschere Schlachter( hebr.: scho-chet), der koschere Laden, das Haus des Arztes, Hospi-tal und Waisenhaus.

Im religiösen Leben dominant war die aschkenasischeTradition, die auf der Anwendung der Gebote derTora und dem Studium des Talmud beruhte. Man hieltdie Tradition in Ehren und strebte mit hoher intellek-tueller Kraft um die Auslegung der Schriften. Der festgeordnete Alltag kreiste um die zwei Pole" Synagoge"und" Heim/ Familie".

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