Gegen den Evolutionismus und die Betonung der Elementargedanken wurdevon Seiten der Geographie und der musealen Völkerkunde Einspruch erhoben. DerAnthropogeograph Friedrich Ratzel( 1844-1904) stellte der herkömmlichen Theorieeiner selbständigen Entwicklung seine„ Migrationstheorie" gegenüber, die besagt,dass Kulturschöpfungen und Kulturmodifikationen zu einem großen Teil auf einergegenseitigen Beeinflussung der Kulturen beruhen. Ihre Verbreitung erfolge voneinem Zentrum aus. Nach dieser diffusionistischen Auffassung seien Kulturgüter nichtzufällig im Raum verteilt, sondern entsprechend bestimmter natürlicher, wirtschaft-licher und politischer Voraussetzungen. Daraus entwickelte sich die Kulturkreislehre,die neben Fritz Graebner( 1877-1934) besonders vom Begründer der sogenannten,, Wiener Schule", dem Ethnologen P. Wilhelm Schmidt( 1868-1954) und seinenSchülern Wilhelm Koppers oder Paul Schebesta, vertreten wurde. Sie ordneten aufGrund verschiedener Kriterien die einzelnen Kulturerscheinungen in„ Kulturkreise"ein und gliederten diese Kulturkreise in zeitlicher Folge nach„ Kulturschichten". Ihrbevorzugtes Forschungsgebiet waren die schriftlosen Kulturen der„ Naturvölker Glossar ::: zum Glossareintrag Naturvölker",der sogenannten Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven, die scheinbar noch in einem von der Zivilisation un-berührten Zustand verharrten. Ziel dieser frühen Ethnologie war es- im Verband mitAnthropologie, Prähistorie, vergleichender Sprachwissenschaften und Volkskunde, dieUrgeschichte des Menschen zu erhellen.
Im Gegensatz zur den globalen Ordnungsschemata propagierte ArthurHaberlandt, der sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen Völkerkunde undVolkskunde auseinandersetzte, sogenannte„ Lebenskreise" als überschaubarereForschungseinheit für die Volkskunde.
F.G.
Adolf Bastian( 1826-1905)
Bereiste als Schiffsarzt mehrfach die ganzeWelt und legte 1860 seine Beobachtungen indem dreibändigen Werk„ Der Mensch in derGeschichte nieder. Mit seiner auf den evolu-tionistischen Ideen gründenden These der„ Elementargedanken" beeinflusste Bastian dasethnologische Denken nachhaltig. Er habilitiertsich 1867, 1868 gründete er gemeinsam mitRudolf Virchow( 1821-1902) das BerlinerVölkerkundemuseum und die Zeitschrift fürEthnologie. Die Gründung der„ BerlinerAnthropologischen Gesellschaft" wurde zumVorbild für die 1870 ins Leben gerufene..Anthropologische Gesellschaft in Wien".Seine reichen ethnologischen Sammlungenkonnte er in das 1886 fertiggestellte BerlinerMuseum für Völkerkunde einbringen.Literatur: Der Völkergedanke im Aufbau einerWissenschaft vom Menschen und seineBegründung auf ethnologische Sammlungen,Berlin 1881; Die Vorgeschichte der Ethnologie,Berlin 1881. Der Völkergedanke, 1881
Lit.:
Bockhorn, Olaf:„ Volkskundliche Quellströme" in Wien: Anthropo- und Philologie, Ethno- und Geographie. In: WolfgangJacobeit, Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhorn( Hg.): Völkische Wissenschaft. Wien- Köln- Weimar 1994, 417-424Fischer, Hans( Hg.): Ethnologie. Einführung und Überblick. Vierte, überarbeitete Auflage, Berlin- Hamburg 1998Haberlandt, Arthur: Volkskunde und Völkerkunde. In: Deutsche Volkskunde. Hg. von Adolf Spamer, Bd. J, Berlin 1934, 42-58Haberlandt, Arthur: Lebenskreise als ein Forschungsziel der Volkskunde. Ein Beitrag zur Methodenlehre. In: Festschrift.für Theodor Siebs zum 70. Geburtstag. Breslau 1933. 377-392
Haberlandt, Michael: Völkerkunde. 2 Bde. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage, Berlin- Leipzig 1917( SammlungGöschen)
Mylius, Norbert: Das Museum für Völkerkunde. Seine Aufgaben, seine Geschichte, seine Sammlungen und sein Haus.In: Museum für Völkerkunde. Führer durch die Sammlungen. Wien 1959, 1-11
Pusman, Karl: Die Wiener Anthropologische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Beitrag zurWissenschaftsgeschichte auf Wiener Boden unter besonderer Berücksichtigung der Ethnologie. Dissertation, Wien 1991
Richard Andree( 1835-1912)
Sohn des bekannten Geographen und Heraus-gebers der Zeitschrift Globus" Karl TheodorAndree. Er studierte Geologie und verdingtesich als Berg- und Hüttenmann, ehe er selbstin das kartographische Verlagsgeschäft eintrat.Sein allgemeiner Handatlas( 1881) gilt heutenoch als Standardwerk. Daneben betätigte sichAndree als Journalist. 1890 übernahm er dieHerausgabe des„ Globus". Bald widmete er sichjedoch ausschließlich wissenschaftlichenArbeiten auf den Gebieten der Geographie,der Ethnographie und der Volkskunde.
Im Jahre 1878 erschien eine erste Zusammen-schau seiner Sammeltätigkeit unter dem Titel„ Ethnographische Parallelen und Vergleiche",der sich 1889 eine weitere Folge anschloss. InVerbundenheit zu seiner Heimatstadt verfassteer eine Braunschweiger Volkskunde( 1896,1901). Angeregt durch die Sammlungen seinerFrau Marie Eysn veröffentlichte er 1904„ Votiveund Weihegaben des katholischen Volkes inSüddeutschland"( 1904)
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Ur- Ethnographie