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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
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Liselotte Kuntner

Geburt und Mutterschaft

in verschiedenen Gesellschaften

Die Art und Weise wie Frauen gebären, stillen und ihre Säug-linge pflegen ist nicht nur, naturbedingt", sondern hängt engmit der Gesellschaft zusammen, in der die Frauen leben. DieGeburtshilfe wird überall von den Beteiligten anders organisiertund in einem Geburtssystem gestaltet. Weltweit vollzieht sichdeshalb die Geburt nach bestimmten Regeln, einmal weil sieals außergewöhnliches Ereignis im Leben des Menschen ange-sehen wird und für das Bestehen von Familie und Gesellschaftentscheidend ist, aber auch der Erkenntnis wegen, dass die Ge-burt mit gewissen Gefahren verbunden ist.

Sternstunde Geburt

Mit einem Blick auf Europa und wie die Geburtshilfe im 18.Jahrhundert an vielen Orten etabliert war, lasse ich JohannWolfgang von Goethe zu Wort kommen: Am 28. August 1749mittags mit dem Glockenschlag zwölf, kam ich in Frankfurt amMain auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonnestand im Zeichen der Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrau und kulminierte für den Tag;Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nichtwiderwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: Nurder Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegen-scheins umso mehr, als zugleich seine Planetenstunde einge-treten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nichteher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.Diese guten Aspekte, welche mir die Astrologen in der Folge-zeit sehr hoch anzurechnen wussten, mögen wohl Ursachemeiner Erhaltung gewesen sein: denn durch die Ungeschick-lichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nurdurch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, dass ich

das Licht erblickte. Dieser Umstand, welche die Meinigen ingrosse Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgernzum Vorteil, indem mein Grossvater, der Schultheiss JohannWolfgang Textor, daher Anlass nahm, dass ein Geburtshelferangestellt, und der Hebammenunterricht eingeführt oder er-neuert wurde, welches denn manchem der Nachgebornen magzugute gekommen sein."( Goethe, Dichtung und Wahrheit,Beginn des 1. Buchs)

Man darf mit Sicherheit annehmen, dass die zuständige Heb-amme im Rahmen ihrer Möglichkeiten- man bedenke es warim Jahre 1745- verantwortungsvoll gehandelt hat. Sowohl dieMutter wurde nach der anscheinend schwierigen Geburt vonder Hebamme fachgerecht versorgt und das Kind mit den da-mals zur Verfügung stehenden Praktiken reanimiert. GoethesLeben und Werk bezeugen in aller Deutlichkeit, dass er durchdie erschwerte geburtshilfliche Situation, sowie der Zeit da-nach keinerlei Schaden genommen hat.

Zur Entwicklung von GeburtssystemenAus dem zentralen Bedürfnis heraus, mögliche Komplikationenzu verhindern und Mutter und Kind zu schützen, entwickeltesich seit den frühesten Zeiten und überall auf der Welt einePraxis, die den Frauen bestimmte Verhaltensregeln auferlegteund so ein Schutzsystem für die Frau und ihr Kind bildete.Sowohl Geburts- als auch Schutzsysteme werden geprägtdurch die jeweiligen Vorstellungen und den Wissensstandeiner Gesellschaft.( 9)

Überall dort, wo beim Auftreten von Störungen und von Kom-plikationen nicht eingegriffen werden kann, nimmt die Prophy-

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