Artur R. Boelderl
Die Geburt
Vorüberlegungen zu einem Anathemader abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischen Ideengeschichte
Die folgenden Ausführungen bewegen sich im Spannungsver-hältnis zwischen folgenden zwei Sätzen, von denen der eineeine Beobachtung repräsentiert, der andere ein geschichtli-ches Faktum:
( 1) Die Geburt ist als Idee- in der Geistesgeschichte desAbendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag Abendlandes lange Zeit ein Stiefkind gewesen, und ein unge-liebtes dazu, obwohl diese selbe Geschichte angestoßen wor-den ist vom Sohn einer Hebamme, und zwar dezidiert als Heb-ammenkunst( gemeint sind Sokrates und seine Kunst desGesprächs- bzw. Dialogführens).
( 2) Demgegenüber kann die Geschichte des Abendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag Abendlandes ins-gesamt in bestimmter Hinsicht betrachtet werden als die Ge-schichte einer Geburt, insofern ihre Faktizität maßgeblich mit-geprägt ist von dem( d.h. genaugenommen von Zustimmungzu dem resp. Ablehnung dessen), was die Geschichte einer be-stimmten Geburt und deren( Denk-) Möglichkeit oder Unmög-lichkeit bewirkt hat( gemeint sind Christus und die christlicheLehre von der Menschwerdung Gottes in Christi Geburt").
Das sind freilich nicht alle Parameter, die ein Versuch, die Ge-schichte der Geburt als denkerisches Motiv im Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag Abendland nach-zuzeichnen, zu berücksichtigen hätte, und es sind vielleichtnicht einmal die wichtigsten. Für unseren Zusammenhang wirdihnen daher auch nur heuristischer Wert beigemessen. Sie sol-len das Feld markieren, das zwischen Sokrates und seinem( Wieder-) Entdecker Nietzsche als unthematischer Hintergrundder Entwicklung eines so objektiv erfolgreichen wie nicht weni-ger objektiv fatalen Denkens fungiert( hat), bis im 20. Jahrhun-dert in der nachnietzscheanischen Rezeption der abendländi-schen Glossar ::: zum Glossareintrag schen Geistesgeschichte durch sich selbst dieses ihr Hinter-
grundthema zunehmend bewusst wird, aktuell und sich- nichtzuletzt in Gestalt einer Wiederannäherung von Geistes- undNaturwissenschaften- geradezu aufzudrängen beginnt, ja derdenkerischen Entwicklung im 21. Jahrhundert geradezu aufge-tragen scheint. Es sind die Psychoanalyse und die Tiefenpsy-chologie( Freud, Jung, Rank), aber auch die Sozialwissenschaf-ten( insbesondere die Psychohistorie: Lloyd deMause) ² undnicht zuletzt die Philosophie selbst, Nachfahrin der sokratischenMäeutik, die sich des Themas Geburt entsinnen und es, wieunausdrücklich auch nach wie vor, zusehends dem Bannfluchder Vergessenheit entreißen( Arendt, Derrida, Levinas, Kriste-va). In gewisser Weise ist das Anathema der Geburt sogar dieunhintergehbare Klammer zwischen( 1) und( 2), zwischen einerGeschichte des Abendlands Glossar ::: zum Glossareintrag Abendlands, die nicht von ungefähr in derBesinnung auf ihre vorchristlichen Ursprünge immer stärker un-und antichristliche Positionen entwickelt, dabei aber- wofürNietzsches Werk beredt Zeugnis ablegt- dennoch auf diesesAnathema, das sie mit dem kritisierten, abgelehnten und be-kämpften Christentum gemein hat, verwiesen bleibt, und derGeschichte des Christentums, das sich- nicht zuletzt über dasThema der Geburt in Gestalt der Menschwerdung Gottes- mitbeispiellosem, wenngleich nicht ungebrochenem Erfolg alsGeschichte des Abendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag Abendlandes zu präsentieren verstanden hat.
Ich will in einem ersten Teil hinweisartig die philosophischenImplikationen dieser Zusammenhänge zu verdeutlichen suchen,bevor ein zweiter Teil- sehr kursorisch- die Crux vorstellt, diedem Denken der Geburt im Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag Abendland von seinen Anfängenher bereits anhaftet.3
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