GEDANKEN
ZUR GESELLSCHAFTLICHEN
DES STICKENS
ROLLE
Oft liest man, das Sticken bzw. Handarbeiten im allgemeinenerlebe heute eine Renaissance. So wie sich Rezepte" aus Groß-mutters Kochbuch" großer Beliebtheit erfreuen, so ist auchihr Wäschekasten wieder interessant geworden. Nur sollteman bei aller Bewunderung, die man den verzierten Textilienentgegenbringt, nicht vergessen, daß sie nicht zum Selbst-zweck, sondern von Menschen für einen ganz bestimmten Zweckangefertigt wurden und im Leben dieser Menschen eine bestimmteRolle gespielt haben. Die Mädchen und Frauen stickten nichtzum Vergnügen, sondern weil es der gesellschaftlichen Normentsprach, Kleider und Ausstattung selbst herzustellen oderzumindest zu verzieren. Eine Alternative dazu gab es nicht.Ähnlich war es auch bei der Auswahl der Farben und Motive:In den Dörfern, in größeren Regionen war bekannt, in welcheFarben sich ein junges Mädchen kleiden konnte und was füreine ältere Frau passend war, welche Motive auf Pölster undHandtücher gestickt wurden und welche auf Totentücher.Umgekehrt diente dieses Wissen den Menschen wieder als Orien-tierung. An der Kleidung konnte man erkennen, ob eine jungeFrau ledig oder jungverheiratet, an der Ausstattung der Stu-be, ob in diesem Haus kürzlich jemand gestorben war usw.Heute sind diese Normen nicht mehr gültig und das Wissenum die gesellschaftliche Bedeutung, um den Verwendungszweckgeschwunden. Für uns eröffnet dies einerseits eine Vielzahlan Möglichkeiten textiler Gestaltung, da wir ja weder an Ma-terial noch Technik, noch Farben und Motive gebunden sind,nicht einmal daran, sticken zu müssen, um Textilien zu ver-
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