I.
Die Entstehung der Teufellitteratur.
Die Personifikation der menschlichen Laster und schlechtenEigenschaften musste der Didaktik von jeher als ein will-kommenes Mittel erscheinen, die lange Weile trockener Lehr-haftigkeit zu beleben. Kleidete man die unbestimmten ab-strakten Begriffe in fassliche Körper, so traten sie plastischhervor; alles wirkte unmittelbarer und dadurch nicht alleinweit künstlerischer, sondern, wie es der didaktischen Absichtnur erwünscht sein konnte, auch viel eindringlicher. Dieverderbliche Thätigkeit einer Person und der offene Widerstandgegen sie liess sich anschaulicher darstellen, als die üblenFolgen einer Eigenschaft und der Kampf, den man innerlichmit ihr führt.
Frühzeitig wurde so in der christlichen Litteratur dieserKampf als ein Krieg des Menschen und seiner Tugendengegen die Laster allegorisch vorgeführt ¹). Den Ausgangs-punkt bildeten, zugleich mit antiken Vorstellungen 2), Stellenaus der Bibel, in den paulinischen Briefen Thessal. I 5, 8,Ephes. 6, 14, Corinth. II 6, 7. Diese Quellen überliefertendas Motiv der patristischen Litteratur der spätrömischen, derweltlichen und geistlichen der Karolingerzeit und der theo-logischen des 11. und 12. Jahrhunderts, die es sorgfältigausführten und mit Vorliebe anwandten: die feindlichen Heere
1) Karl Raab, Über vier allegorische Motive in der lateinischenund deutschen Litteratur des Mittelalters. Programm des Gymnasiumszu Leoben( Steiermark) 1885. S. 25 ff.
2) ibid. S. 27. Anm. 53.