Elisabeth Timm, Bodenloses Spurenlesen
einem sehr langen Zeitraum zur Erfindung der Schrift führte.«<< 10 Dasbelegt er mit der Überlieferung» mesopotamischer Wahrsager<< seitdem 3. Jahrtausend vor Christus. Die ist für seine Rekonstruktion desIndizienparadigmas vor allem deshalb aussagekräftig, weil das Wahrsa-gen durch die Konfrontation mit der Erfindung der Schrift gezeichnetist. Dadurch geriet die Evidenzerzeugung mittels Indizienparadigma inBedrängnis und wurde begründungspflichtig, was wiederum Quellenfür Ginzburgs kleine Wissenschaftsgeschichte des Indizienparadigmasproduzierte.¹ Ginzburg erläutert damit die für das Indizienparadigma>> grundsätzliche Tendenz, die Ursache aus der Wirkung herzuleiten<<und so eine>> Totalität«< 12 zu rekonstruieren. Schließlich resümiert er:>> Aber hinter diesem Indizien- und Wahrsageparadigma erahnt manden vielleicht ältesten Gestus in der Geschichte des menschlichen In-tellekts: den des Jägers, der im Schlamm hokkend( sic!) die Spuren derBeute untersucht.<< 13
10 Hier tritt der Realismus des indizienparadigmatischen Vorgehens besondersdeutlich zu Tage: Ginzburg liest sprachliche Zeichen als Indizien eines»> histo-rischen Prozess( es)«<, an dessen Beginn er» den Jäger«< stellt. Die Analogie zuSigmund Freuds Vorgehen in Totem und Tabu( 1912/13) ist frappierend: Auchdort findet sich eine historisch- realistische menschheitsgeschichtliche Schluss-folgerung( Urvatermord) auf der Grundlage aktueller empirischer Beobachtun-gen( ödipales Begehren); instruktiv aufgewiesen und wissenschaftshistorischgedeutet von: Thomas Hauschild: Ethno- Psychoanalyse: Symboltheorien an derGrenze zweier Wissenschaften. In: Wolf- Dietrich Schmied- Kowarzik, JustinStagl( Hg.): Grundfragen der Ethnologie. Berlin 1981, S. 151–168. Im Kontextder Philosophie und Wissenschaftstheorie würde man Ginzburgs Vorgehen wohlals> positivistisch< bezeichnen; in der Sozial- und Kulturanalyse ist der Begriff> Realismus</> realistisch< passender.
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Ginzburg( wie Anm. 3), S. 20 f.( dort auch das Folgende).Ebd., S. 47.
13 Ebd., S. 21. Es ist an dieser Stelle nicht notwendig zu erörtern, wie Ginzburghier Geschlechtergeschichte sowohl( absichtlich- provozierend) schreibt als auchbeschreibt. Ich weise nur auf die zwei Publikationen hin, die den Jäger- Mann-Mensch- Ursprungsmythos mit je eigener Ernsthaftigkeit wissenschaftlich her-vorbrachten und populär machten: Richard D. Lee, Irven DeVore( Hg.): man thehunter. the first intensive survey of a single, crucial stage of human development-man's once universal hunting way of life. New York 1969; Sally Linton: Wo-man the Gatherer. Male Bias in Anthropology. In: Sue- Ellen Jacobs( Hg.): Womenin Cross- Cultural Perspective. A Preliminary Sourcebook. Urbana 1971, S. 9-21.Sowie natürlich auf Donna Haraway, die die feministische Kritik in diesem Feldnicht als Korrektur, sondern als Variante der Hervorbringung von Wissen mit Ge-
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