Potenzialität des kulturellen Erbes
Es spricht zu uns
Karlheinz Wöhler
Es ist eine bezeichnende Koinzidenz, dass auf dem Höhepunkt der ebenso kultur- wie kapi-talismuskritischen Thematisierung des Massenkonsums das Natur- und auch das Kulturerbe( wieder) entdeckt wurde. Mit dem Bericht des Club of Romes' sind die Grenzen des öko-nomischen Wachstums aufgezeigt worden. Der Fortgang der Menschheit wird als gefährdetangesehen, wenn nicht vom Wachstum( technischer Fortschritt, Ressourcenausbeutung) aufBewahrung der Natur und Kultur umgeschaltet wird. Zeitgleich ist von der UNESCO die,, Konvention für das Kultur- und Naturerbe der Menschheit"( 1972) verabschiedet worden.Sie fordert den Schutz und die Erhaltung des Kultur- und Naturerbes. Seitdem ist der Modusdes In- der- Welt- Seins nicht mehr allein durch Teilhabe am sozialen Leben bestimmt gesehen,sondern als weitere Wirklichkeitsdimension kommen Natur und Kultur in ihren gegebenenVerfasstheiten ins Spiel. Das Streben nach dem Besitz an materiellen, ressourcenverzehrendenund-vernichtenden„ Haben- Gütern" galt als Ursache für die Bedrohung der Welt und derMenschheit; den immateriellen„ Seins- Gütern" wird dagegen die Potenzialität der Rettungdes Planeten zugeschrieben. Zwanzig Jahre nach dem Bericht zur Lage der Welt verfasst derRat des Club of Rome erneut eine Lagebeurteilung der Welt und diagnostiziert keine Besse-rung. Das Übel in westlichen Gesellschaften wird nach wie vor in ihrer„ seichten Ideologiedes Konsums-> Ich bin, was ich habe< beziehungsweise> Ich bin, was ich tue<"( gesehenund) die„ fundamentalen Aspekte des Lebens wie die Religion, die ethnische Identität unddie ererbten Werte und Überzeugungen in Vergessenheit geraten" 2. Schulzes im gleichen Jahrpublizierte„ Erlebnisgesellschaft“ ³( 1992) nährt diese Diagnose insofern, als er die Gesellschaftdurch ein Handeln konstituiert sieht, wonach die konsumistische Optionsvielfalt soziale Mili-eus nach dem Typ„ Ich bin, was ich erlebe und was mir jetzt Genuss bringt" hervorbringt.Festgestellt wird hier, kurzgefasst: Die Subjektbildung vollzieht sich in der Postmoderne aufder Basis des Massenkonsums und der ausgeweiteten, offenen Wahlmöglichkeiten. Sozial-,Orts- und Sinnbezüge sind nicht mehr fix und dies bedeutet, dass Individuen nicht mehr z.B. durch Ererbtes zurückverbunden sind. Diese Ausdehnung des Subjektraumes, die als einCharakteristikum der individualisierten Gesellschaft gilt, wird ebenso für das Individuum alsauch für die Gesellschaft als ein beträchtliches Risiko angesehen 4. Menschen sind chronisch,, heimatlos", müssen sie sich doch unter den Bedingungen der flüchtigen Moderne immerwieder neu verorten, um soziale Anerkennung zu erlangen. Selbstdeutungen bleiben prekär.Dabei bleibt das Soziale insofern auf der Strecke, als nur noch eine fragmentierte Systemin-
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Meadows, Dennis L. u.a.: Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart 1972.
King, Alexander, Schneider, Bertrand: Die erste globale Revolution. Ein Bericht des Rates des Club of Rome.Frankfurt am Main 1993, 196.
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Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologe der Gegenwart. Frankfurt/ New York 1992.Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Modere. Frankfurt am Main 1986.
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