Writing Heritage
Überlegungen zum Format Bewerbungsdossier
Markus Tauschek
Im Streiflicht, dem Kommentar auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung, findet sich am16. Oktober 2007 eine bemerkenswerte Idee zum Umgang mit dem immateriellen Erbe: ¹ InThüringen, dem selbsterklärten Land des Thüringer Kloßes, wird mit Nachdruck an einemProjekt gearbeitet, den aus Kartoffeln hergestellten Kloẞ anlässlich des von den VereintenNationen zum Jahr der Kartoffel ausgerufenen Jahr 2008 zum Weltkulturerbe zu deklarieren.²Würde nicht die UNESCO durch ihre Hinwendung zum Immateriellen eine geeignete Platt-form bieten, so ließe sich erstaunt fragen, was denn der Thüringer Kloß mit den Pyramidenvon Gizeh oder dem Kölner Dom gemein habe. Mit dem„ Zauberwort, immateriell"", so derKommentator weiter, wäre aber auch dem Thüringer Kloß eine Hintertür geöffnet.„ ,, Es un-terliegt keinem Zweifel", so resümiert der Kommentar euphorisch- kritisch, dass die thürin-gische Kloẞkunst in diesem Umfeld gut aufgehoben ist, ja man könnte sich sogar vorstellen,dass ein Crossover der Kulturen, etwa wenn sardische Schäfer Klöße drehen und dazu ihreWeisen singen, die schönsten Synergieeffekte zeitigt." Nach der Präsentation des Kochrezep-tes für den originalen Thüringer Kloß schlägt der Artikel vor:„ So einen Knödel reicht man,im Rahmen des angedeuteten Crossovers der Kulturen, am besten nach Binche weiter, zumdortigen Karneval." 3
Der Karneval von Binche, darauf spielt der Kommentar an, hatte den Schritt vom Brauchzum Welterbe bereits im Jahr 2003 erfolgreich getan, denn er wurde in diesem Jahr in dieUNESCO- Liste der„ Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity" aufge-nommen. Mit der Ernennung zum Masterpiece, darauf hat als erste Barbara Kirshenblatt-Das Streiflicht. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 238, 16.10.2007.
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Die Initiative, den Thüringer Kloß zum Weltkulturerbe zu ernennen, geht im Wesentlichen vom ThüringerKloẞmuseum aus; vgl. Pressespiegel des Museums: http://klossmuseum.homepage.t-online.de/( Zugriff: 02.11.07). Der dortige Museumsleiter, durch die Teilnahme an einem internationalen Seminarzu Gastronomie, Tourismus und Weltkulturerbe auf die Hinwendung der UNESCO zum immateriellenKulturerbe aufmerksam geworden, versucht durch Unterschriftenlisten und diverse Aktionen, dasBewusstsein für den Thüringer Kloẞ zu wecken( persönliche Kommunikation mit dem Museumsleiter am02.11.07). Ziel ist es letztlich- auch durch Überzeugungsarbeit auf politischer Ebene- den Thüringer Kloẞmit seiner als traditionell interpretierten Herstellungsart im Rahmen der ,, Convention for the Safeguardingof the Intangible Heritage of Humanity" zum kulturellen Erbe zu deklarieren. Bekundungen wie„ MeineStimme: Unesco- Weltkulturerbe für Thüringer Klöße"- so nachzulesen im eigens eingerichteten Weblogzum Thüringer Kloß und der Kartoffelkultur, http://weblog.tlz.de/index.php?weblog=tlzkartoffel( Zugriff:02.11.07)- sind ein Indiz für eine Initiative ,, von unten".
Das Streiflicht wie Anm. 1.
Terminologisch präzisierend dürfte der Karneval selbst zwar in der Diktion der UNESCO nicht als Welterbebezeichnet werden, da das Welterbeprogramm inhaltlich wie organisatorisch zum Zeitpunkt der Ernennunggetrennt zu betrachten ist, aus Sicht der lokalen Akteure in Binche aber werden die UNESCO- Tätigkeiten unddie Ernennung zum Masterpiece mit dem Begriff Welterbe gleichgesetzt. Vgl. dazu auch: Markus Tauschek:" Plus oultre"- Welterbe und kein Ende? Zum Beispiel Binche. In: Dorothee Hemme, Markus Tauschek
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