Der gemeine Pilz
Christian Stadelmann
Pilze haben einen festen Platz im Kanon der Chronik- Ressorts der Presse. Sie sind eingebettetin den sich alljährlich wiederholenden Berichterstattungsreigen über Erscheinungen, die vonder Vegetationsperiode bestimmt sind. Zumindest vermittelt gehören dazu ja auch die Bräu-che im Jahreslauf. Die Pilzsaison in der Presse fällt in die Monate August und September.
In den Zeitungsartikeln werden besonders ergiebige Funde besprochen und Tipps gegeben,an welchen Orten man selbst sein Glück versuchen sollte.( Verbunden sind diese Hinweise al-lerdings nicht selten mit der süffisanten Erklärung, dass die wirklich guten Plätze ohnehin ge-heim gehalten werden). Häufig kommen auch Berichte über Vergiftungen vor, die wiederumvon Hinweisen begleitet sind, wie man die Pilze bestimmen kann, beziehungsweise, welcheseben erst erschienene Buch einem dabei behilflich ist. Und schließlich kann man auch nocherfahren, welche Art der Zubereitung das schmackhafteste Resultat erbringt.
Der Umgang mit den Pilzen ist ritualisiert. Dieser Umstand, aber auch die Tatsache, dassan ihnen Phänomene der Sammelwirtschaft, der so genannten Volksmedizin und der Er-nährungstraditionen abgehandelt werden können, macht sie für die Volkskunde interessant.Trotzdem hat sich das Fach dem Pilz gegenüber stets in Zurückhaltung geübt- offenkundig,weil es ihn schwer fassen kann.
Aber damit steht die Volkskunde nicht alleine da. Auch die Naturwissenschaften tun sichmit dem Pilz schwer. Zwar haben sie sich weit intensiver mit ihm beschäftigt als alle anderenWissenschaftsbereiche, aber- wenn man etwa an die Zuchtversuche von Pilzen denkt- bisheute ohne zufriedenstellende Ergebnisse. Die faszinierende Unzulänglichkeit, mit der mandem Pilz stets gegenübergestanden ist, wurde gewöhnlich mit Mutmaßungen kompensiert.Mitunter wurde aber auch ganz offen räsoniert:
„ Es ist wirklich verwunderlich, dass man auf keinem wissenschaftlichen Gebiete sovielschlechte Literatur, soviel unrichtige Angaben, soviel Irrtümer und gewissenlose Berichte fin-det, als in der mykologischen Literatur." 1
Der Pilz gab und gibt Rätsel auf, die die Naturwissenschaften für andere Gewächse längstgelöst haben. Spätestens ab dem 18. Jahrhundert haben sich beispielsweise Botaniker damitgeplagt, eine brauchbare Ordnungsstruktur zu finden; ihre erarbeiteten Systeme haben sieaber immer wieder korrigieren müssen. Schon allein die Frage, ob denn Pilze als Pflanzen zuklassifizieren seien oder nicht, hat lange Zeit nicht entschieden werden können und verwir-rende Erklärungen erbracht.
Die Wissenschaftler des 17. und 18. Jahrhunderts haben ihre diesbezüglichen Mutmaßun-gen auf den altrömischen Gelehrten Plinius den Ältern( um 23-79 n. Chr.) gestützt der,
1 Johann Macků, Al Kaspar: Praktischer Pilzsammler. Illustriertes Taschen- und Bestimmungsbuchzum bestimmen aller in unserer Heimat wachsenden essbaren und giftigen Pilze auf Grund ihrerwissenschaftlichen Systematik mit Anleitung zur Behandlung der Pilze in der Praxis und Küche. Olmütz1915, 3.
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