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Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
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Bernd Rieken

heißt: Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen[...]: somachst du die Hoffnung der Menschen zunichte"( Hiob 14,18f.).

Von besonderer Brisanz dürfte im mittel- und nordwesteuropäischen Kulturraum die Situati-on dort werden, wo kulturell stark beeinflusste Naturlandschaften in exponierter Lage vorhan-den sind. Das gilt vor allem für die Hochalpen und die südliche Nordseeküste. Natürliche Ein-flüsse spielen dort nämlich eine extremere Rolle als etwa in weiten Teil der Mittelgebirgsland-schaften, weswegen ihre Besiedlung besondere kulturelle Anstrengungen erforderlich gemachthat. Sie sind seit dem Beginn des Tourismus begehrte Urlaubsziele, und weite Areale sind heuteals Nationalparks ausgewiesen, die ohne menschliche Eingriffe kaum zugänglich oder nichtmehr vorhanden wären. Almen würden ohne Beweidung oder Landschaftspflege verbuschen,die Natur würde eintöniger werden. Gleichzeitig ist man bemüht, sich ihre bedrohlichen Seitenvom Leibe zu halten, indem man Verbauungen gegen Stein- und Schneelawinen vornimmt.Das ist notwendig, weil die Besiedlung in exponierten Lagen zugenommen hat.

Ähnlich verhält es sich an der südlichen Nordsee: Als zur Zeit des mittelalterlichen Wärme-optimums der Meeresspiegel zu steigen begann, errichtete man eine durchgehende Deichlinievon der Zuiderzee( heute: Ijsselmeer) bis Südjütland, weil anders ein Überleben dort nichtmehr möglich gewesen wäre. Das war ein menschlicher Eingriff, der Natur und Kultur zu-gleich schützte, nämlich das fruchtbare Acker- und Weideland hinter den Deichen sowie dasWattenmeer zwischen dem Festland und den Inseln, das heute als Nationalpark ausgewiesenist. Ohne die Deiche wären heute die west-, nord- und ostfriesischen Inseln sowie ein Großteilder Küstenlandschaft verschwunden und damit wahrscheinlich auch Teile des Wattenmeeres.Der Klimawandel könnte all das infrage stellen, denn wenn der Meeresspiegel rapide anstei-gen sollte, versagen irgendwann die Deiche, da man sie aus ökonomischen und geologischenGründen nicht beliebig erhöhen kann. Analog dazu könnte auch die Besiedlung der Hochal-pen gefährlicher werden, wenn der Permafrost auftaut und vermehrt Felsstürze hervorbringt.Schmelzen die Gletscher weiter dahin, 29 könnte auch das negative Folgen haben, abgesehenvom Schisport vor allem hinsichtlich des Wasserhaushaltes. Während heute der Großteil derWinterniederschläge als Schnee fällt und daher langfristig vor Ort verbleibt, würden bei einerErwärmung die Regenmengen aus Gebirge- und Tallagen gleichzeitig abfließen und zu Über-schwemmungen führen. Andererseits käme es in den Sommermonaten zu Wasserengpässen,weil die Wasserspeicherwirkung der Gletscher fehlte.

Es mag trösten, dass es nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner geben wird, wenn sichdas Klima erwähnt. Der vielzitierte Erdäpfelanbau auf Grönland ist nur pars pro toto. Aberdie Menschen in unseren Breiten wissen nicht so recht, was auf sie zukommen wird. Undals Touristen, die an die See oder ins Gebirge reisen, fühlen sie sich allzumal betroffen. Dererstarkte Diskurs um das Natur- und Kulturerbe ist auch ein Ausdruck der Angst, und diesehängt mit der Diskussion um den Klimawandel zusammen. Man möchte retten, was noch zuretten ist- ähnlich wie mit dem Erstarken des Industriezeitalters Volkskundler ausgezogenwaren, um die letzten Relikte der traditionellen Kultur zu bewahren. Vielleicht sind die Ängs-te übertrieben, denn Wolfgang Behringer schreibt in seiner Kulturgeschichte des Klimas,dass Warmzeiten den Menschen bisher mehr Vor- als Nachteile gebracht hätten. 30 Aber das

29 Vgl. Wolfgang Zängl u. Sylvia Hamberger: Gletscher im Treibhaus. Eine fotografische Zeitreise in die alpineEiswelt. Steinfurt 2004.

30 Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München2007, 8.

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