Ambivalenzen des
Kulturellen Erbes
Sozial- und kulturanthropologische Reflexionen zuHomi Bhabhas Kritik
Adelheid Pichler und Fernand Kreff
Kulturerbe ist keineswegs eine dauerhafte und, wie dieser Beitrag zeigen soll, eindeutige Ka-tegorie der sozial- und kulturwissenschaftlichen Debatte. Dessen Bedeutung ist permanentenVeränderungen unterworfen und wird in verschiedenen kulturellen und historischen Forma-tionen anders interpretiert. Dies beruht ebenso auf unterschiedlichen Konzepten von Kultur,wie divergierenden Auffassungen von Erbe und wird bestimmt von den Gesellschaftsforma-tionen und Wissenschaftstraditionen, die Kulturerbe thematisieren. Daher gilt Kulturerbe inden Kultur- und Sozialwissenschaften als äußerst umstrittene Kategorie.
So verwundert es nicht, dass die Zahl jener Wissenschafter und Wissenschafterinnen zu-nimmt, die eine einseitige und eindeutige„ Verortung" von kulturellem Erbe zurückweisen².Deren Kritik richtet sich vor allem gegen anachronistische Theoriedebatten um Kulturerbe,welche die räumliche und zeitliche Ko- Präsenz historischer Narrative ausblenden.
Dieser Beitrag befasst sich insbesondere mit Aspekten der Ambivalenz des kulturellen Erbes.Angesichts der Widersprüche und Einwände gegenüber dem kulturellen Erbe, muss zunächstdanach gefragt werden, welches Kulturverständnis dabei zu Grunde gelegt wird.
So skizziert der erste Teil dieser Ausführungen eine wissenschaftsgeschichtliche Entwick-lung des Kulturbegriffes in Bezug auf die Frage des Erbes.
Daran anknüpfend wird in einem zweiten Schritt die Ambivalenz des Erbes im Kontextpostkolonialer Kritik, im Besonderen in der Lesart Homi Bhabhas ausgeführt, um abschlie-Bend die schwierige Frage nach der Zukunft des kulturellen Erbes anzudeuten.
Welches Kulturverständnis liegt dem kulturellen Erbe zu Grunde?Als im November 1972 die Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Natur-erbes der Welt verabschiedet wurde, konnte die UNESCO auf eine fast 30 jährige Erfahrungzurückblicken. Initiiert von Großbritannien und Frankreich war die UNESCO als Sonderor-ganisation der Vereinten Nationen 1946 mit dem Ziel gegründet worden, friedensstiftendeMaßnahmen zu veranlassen um den Aufbau von Kultur und Bildung in den Mitgliedstaaten
1 Erste Gedanken zu diesem Beitrag sind aus Diskussionen im Anschluss an Homi Bhabhas Vortrag in Wien imSeptember 2006 hervorgegangen. Die Reflexionen entstanden unter Beteiligung von Dr. Johanna Riegler,der wir an dieser Stelle ganz herzlich danken möchten.
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Zum Begriff ,, Verortung" vgl. Homi Bhabha: Die Verortung der Kultur. Tübingen, 2000.
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