Wie man ein Kulturerbe ausschlägt
Städtische Selbstbilder und urbane Pfadabhängigkeiten imStreit um das UNESCO- Weltkulturerbe Dresdner Elbtal
Sönke Friedreich
,, Brücken bauen“ oder„ eine Brücke schlagen"- diese Metapher wird im Allgemeinen dazuverwendet, Friedensbemühungen und Konfliktlösungen zu bezeichnen, ob nun zwischen Per-sonen, Generationen, Nationen oder jede andere, durch angebliche„ Gräben“ voneinandergetrennte Institutionen und soziale Formationen. Gelegentlich aber können Brücken auchSpannungen und Differenzen, ja Konflikte hervorrufen und damit schlaglichtartig die unter-gründigen Problemlagen einer Gesellschaft offen legen. In Dresden, der„ schönen Stadt", demso genannten Elbflorenz, das sich im Jahr 2006 mit einer 800- Jahr- Feier selbst zelebrierte, ¹tobt seit mehreren Jahren ein erbitterter Kampf um den Neubau einer Elbquerung, die sogenannte Waldschlösschenbrücke, ein Kampf, der sich seit dem Sommer 2004 zugespitzthat, da zu diesem Zeitpunkt das Dresdner Elbtal den Titel eines UNESCO- Weltkulturerbesverliehen bekam. Dieser prestigeträchtige Titel ist numehr durch den Beschluss zum Brü-ckenbau akut gefährdet.² Infolge eines Bürgerentscheid im Februar 2005, der sich eindeutigfür den Bau der Brücke an einer zentralen Stelle im Elbtal, unweit der Dresdner Altstadt,ausgesprochen hat, steht das UNESCO- Weltkulturerbe Dresdner Elbtal als einziges Welter-be in Europa auf der sog. Roten Liste der gefährdeten Erbestätten, da nach Auffassung desUNESCO- Welterbekomittees der Brückenbau massiv in das geschützte Gebiet eingreifenwürde. Damit hat der Streit um die Brücke weit über Dresden hinaus für Resonanz in Me-dien und Öffentlichkeit gesorgt.
Im Folgenden soll am Dresdner Beispiel nicht nur gezeigt werden, dass die Verleihungund der Erhalt des Welterbe- Status zu schwerwiegenden Konflikten sowohl auf lokaler wienationaler und internationaler Ebene führen kann und dass hierbei unterschiedliche Interpre-tationen von angemessenen lokalen Entwicklungspfaden und vom Stellenwert des kulturellenErbes in einer Gesellschaft zutage treten. Es sollen außerdem die Hintergründe für die Skepsisgegenüber der Welterbe- Idee beleuchtet und dabei gezeigt werden, dass in der Diskussionum das Welterbe untergründiger Widerstand gegen bestehende Diskurshegemonien geleistetwird. ,, Kulturelles Erbe" wird dabei von vielen Akteuren nicht einfach je nach Einstellung
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Zu den Veranstaltungen dieser Feierlichkeiten siehe die Webpräsentation der Stadt Dresden unter www.dresden.de/800/( Zugriff: 24.10.2007).
Zur Verleihung des Weltkulturerbe- Titels vgl. 34 neue Stätten auf der UNESCO- Welterbeliste. In: unescoheute online Nr. 6/7, 2004. Online unter www.unesco-heute.de/0704/erbe04.htm( Zugriff: 24.10.2007).Das Ergebnis des Bürgerentscheides mit der Frage ,, Sind Sie für den Bau der Waldschlößchenbrücke-einschließlich des Verkehrszuges der abgebildeten Darstellung?" lautete 67,92% Ja- Stimmen, 32,08% Nein-Stimmen( bei einer Beteiligung von 50,8%). Die ,, Rote Liste" der UNESCO findet sich online unter www.unesco.de/354.html( Zugriff: 11.04.2007). Im Jahr 2004 wurde der Kölner Dom wegen einer geplantenHochhausbebauung am Rheinufer auf die Rote Liste gesetzt, im Juli 2006 jedoch wieder von der Listegestrichen.
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