Kulturpolitische Konstruktionen
und Inszenierungen von aktueller,, Volkskultur"
Ein Blick auf die Schweiz
Sabine Eggmann
Historisch lässt sich festhalten, dass die„ Volkskultur" seit der europäischen Moderne sowohlals Begriff wie auch als Phänomen eine wesentliche Rolle in Gesellschaft und Wissenschaftspielt. Mit viel Engagement von Seiten unterschiedlicher AkteurInnen und Institutionenerlangte die„ Volkskultur“ ein bedeutendes Gewicht sowie eine starke Präsenz im Rahmendes schweizerischen Staates( sowie anderer europäischer Nationalgebilde) bei der Herstellungeiner modernen Gesellschaft.' Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts dann setzte eine kri-tische Reflexion und auch Dekonstruktion des ideellen Gehalts von„ Volkskultur" im Feldder( Kultur-) Wissenschaft ein, die Begriff und Phänomen als zu verabschiedendes Ideolo-giekonstrukt profilierte, um sich ab diesem Zeitpunkt den realen sozialen und kulturellenZusammenhängen aus anderen( sehr viel stärker sozialwissenschaftlich und gesellschaftlichausgerichteten) Perspektiven zu nähern.² Trotz dieser Umorientierung und Neufokussierungdes Forschungsblicks manifestieren sich Begriff und Phänomen„ Volkskultur" am Ende des20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts als aktueller Boom.
Verortet man dieses zeitgenössische Phänomen im theoretischen Kontext der„ Moderne",entsteht das Bild einer konkurrierend strukturierten Gesellschaft, die sich über ihren sinnstif-tenden Horizont immer wieder neu klar werden und diesen mit legitimer Autorität ausstattenmuss. Die moderne( und im Besonderen die späte moderne) Gesellschaft( westeuropäischerKonvenienz) formiert sich als Gemeinschaft ohne absolute und unhinterfragbare Wahrheits-instanzen. Sowohl die Institutionen als auch die Instrumente der Wahrheitsgenerierung überdas eigene Sein als Individuum sowie als Kollektiv sind in der Moderne einer konstantenSelbstbeschreibung und Selbstdeutung unterworfen. In diesem Kontext stehen unterschied-liche Verständigungsbegriffe, die dazu dienen, die eigene( gesellschaftlich gefasste) Umweltin eine bedeutungsvolle und Orientierung stiftende Ordnung zu bringen.4 In einer anderen
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Vgl. Marius Risi: Alltag und Fest in der Schweiz. Eine kleine Volkskunde des kulturellen Wandels. Zürich2003; Wolfgang Kaschuba: Volkskultur zwischen feudaler und bürgerlicher Gesellschaft: Zur Geschichteeines Begriffs und seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit. Frankfurt a.M. 1988.
Aus der grossen Menge an Publikationen zu diesem Thema seien exemplarisch als einschlägige,, Zeitzeugen" die beiden folgenden Titel genannt: Abschied vom Volksleben. Redaktion: Utz Jeggle, KlausGeiger, Gottfried Korff. Tübingen 1970; Fach und Begriff ,, Volkskunde" in der Diskussion. Hg. v. Helge Gerndt.Darmstadt 1988.
Vgl. Luhmann, Niklas: Beobachtungen der Moderne. Wiesbaden 1992; Gerhart von Graevenitz( Hg.):Konzepte der Moderne. Stuttgart/ Weimar 1999.
Vgl. Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt
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