Druckschrift 
Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen
 

Unerwünscht erben

Konzentrationslager als kulturelles Erbe?

Peter Egger und Michaela Haibl

Die Idee zu diesem Vortrag entstand aus einem Arbeitsprozess intensiver Forschung zumThema Konzentrationslager. Im Rahmen eines dreisemestrigen Studienprojektes am Institutfür Europäische Ethnologie in Wien entwickelten wir¹ eine Ausstellung über Beziehungenvon Gefangenen, Überlebenden und deren Nachkommen zum Konzentrationslager Dachau.Dies bedurfte einer genauen Auseinandersetzung mit dem historischen Ort auf der einenSeite und mit der Rezeption als Gedenk- und Erinnerungsort heute. Davon ausgehend erar-beitete Peter Egger in der Reflektion auf das Konzentrationslager Ebensee, ein Außenlager desKonzentrationslagers Mauthausen, das Konzept für eine Diplomarbeit. Ausgangspunkt warfür ihn die Topographie des ehemaligen Lagers auch hinsichtlich der Gebäude und Wege.²Besucht man das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ebensee, zeigt sich- trotz dervorbildlichen Bearbeitung der Geschichte des Ortes und der Etablierung eines Zeitgeschich-temuseums und einer Gedenkstätte-, wie wenig heute sichtbar ist von dem ehemaligen Ort,an dem zwischen 1943 und 1945 insgesamt fast dreißigtausend Menschen gefangen gehaltenund zur Sklavenarbeit in den Stollen gezwungen wurden. Der Alltag dieser Gefangenen isthier noch weniger nachvollziehbar als beispielsweise in Dachau, wo die riesige freie Fläche desehemaligen Appellplatzes eine Vorstellung über die Dimension zu geben vermag, wenn auchim Wissen um tausende Menschen, die als Häftlinge" zweimal täglich in ihrer Gesamtheitzum Zähl- Appell antreten mussten.

Keine Mauer, keine Wälle, keine Zäune, kein leerer Ort oder eine Brache lassen das ehe-malige Lager Ebensee erahnen. Weder Baracken noch Verwaltungsgebäude des ehemaligenLagers sind erhalten, sieht man von den- jedoch von außen nicht wahrnehmbaren- kilo-meterlangen Stollenanlagen ab, und dem steinernen Eingangstor zum ehemaligen Lager. DieGründe für die Unsichtbarkeit des Ortes liegen auf der Hand. Die aktive Form des Vergessen-wollens produziert blinde Flecken. Das Nichtvorhandensein wird nur wahrgenommen, wodas Nichtvorhandensein vor dem Hintergrund eines latenten Wissens hinterfragt wird, dasjedoch- sei es gemeinschaftsbildendes Geheimnis oder politischer Wille- zu schweigen hat.Doch ebenso wie unter dem Gras der Brachen Fundamente von Abgerissenem, und andereDinge des vorhergegangenen Ortes sich befinden³, ist das kollektive Vergessen nicht manifest,

1

2

3

Maria Falkner, Isolde Füsselberger, Peter Egger, Michaela Haibl( Leitung), Björn Hoffmann, Ana Ionescu( Tutorin), Martin Jonas, Bettina Kletzer, Max Leimstättner, Sabina Muriale, Martina Pröll, Judith Punz, MonikaRabofsky, Daniela Schadauer, Lukas Schretter, Marlene Schütze, Lisa Sinowatz. Zur Ausstellung erschienein Essayband: Michaela Haibl( Hg.), Zeit Raum Beziehung. Menschen und Dinge im KonzentrationslagerDachau, Wien 2007.

Ausgehend von den Konzepten der Memorial Landscape" von Herrn DI Hans Peter Jeschke für dieGedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen( http://www.mauthausen-memorial.at).

Vgl. Kai Michels, Stumme Zeugen, in: Die Zeit 20/2005, S. 48. Dazu- am Beispiel Sachsenhausen- vgl. auchhttp://ufg.geschichte.hu-berlin.de/site/lang_de/4322/Default.aspx( Letzter Zugriff 1. Juni 2006), sowie

137