Zur touristischen Konstruktion kulturellen Erbes anhand 200 Jahre Tiroler Abend
oder nur kaum vorgefunden hat. Das beginnt schon bei den Trachten: Wenn die Gäste nichtGlück hatten, Teil eines besonderen Anlasses zu sein, so stellten sich ihnen die Ureinwohnerals zwar nette, zuvorkommende, letztlich aber schlicht gekleidete„ Naturburschen“ dar. Dazugehörten sogar die Auftritte von unterhaltenden Tanz- und Blasmusikkapellen. Denn natür-lich hatten sie ihr„ bestes G'wand" an- nur bestand dieses im überwiegenden Falle aus demschwarzen Sonntagsanzug. Dass sie ihre Festtagstrachten tragen sollten, ist ihnen nur in denseltensten Fällen in den Sinn gekommen. So erschienen sogar noch 1909, zur Jahrhundertfei-er der berühmten Bergiselschlachten, nur ca. ein Drittel der Kapellen in Tracht- wohlgemerktzur Jahrhundertfeier! Tirol- Urlaub also ohne Tracht? Fast hat es den Anschein.
Die entsprechenden Vereine und Verbände( Kurverein, Verschönerungsverein und letztlichFremdenverkehrsverein) machten es sich zur Aufgabe, dem„ alltäglichen" Erscheinungsbildder Tiroler entgegenzuwirken und die„ Trachtenpflege“ zu fördern. Dies nicht nur durch diefinanzielle Unterstützung der Ende des 19. Jahrhunderts gerade entstehenden Trachten- oderHeimatvereine, sondern auch durch ganz pragmatische Aufrufe, ganz nach dem Motto:„ Wasnützt es auch, wenn durch die richtigsten und geschicktesten Werbemittel noch so viel Frem-de in unser Land getrommelt werden, die erste Grundbedingung jedoch, Gäste zu empfangenund zu fesseln häufig so ganz außer acht gelassen werden?"( Tiroler Fremdenzeitung 1889) 5.So lesen wir etwa den Aufruf des„ Tiroler Landesverbandes der vereinigten Kur- und Frem-denverkehrsvereine von Tirol"( veröffentlicht im Tiroler Boten 1894):„ An jenen Orten, wel-che lebhaften Fremdenverkehr besitzen, empfehlen wir den Besitzern von Gasthöfen in ihremeigenen Interesse dringenst ihr Dienstpersonal, besonders die Kellnerinnen, Hausknechte,Schankburschen etc. nur in der` kleidsamen Tracht eines tirolischen Tales erscheinen zulassen....". Denn man sah nämlich seitens des Verbandes nicht ein, warum Tiroler im Aus-land als„ Salontiroler" auftreten, sich im Inland aber ihrer Kleidung schämen sollten.
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Die Förderung der„ Tracht" lag also ganz wesentlich im Interesse der Tourismusindustrie.Und damit auch die Unterstützung von Vereinen, die sich diesem Ansinnen zugänglich zeig-ten; bzw. auch in der Realisierung von Veranstaltungen, die zeigen sollten„ wie es geht". Soetwa 1894 in Innsbruck: Anlässlich eines internationalen Kongresses mit zahlreichen ausländi-schen Gästen organisierte der Tourismus- Landesverband einen„ Kirchtag" und eine„ Bauern-hochzeit teilnahmen ca. dreihundert Aktive in Tracht und die schönsten Trachten wurdenprämiert. Es traten Schuhplattler aus Jenbach und Brandenberg, Meraner Fahnenschwinger,die Wiltener Schützen und die Höttinger Musikkapelle auf. Verschiedene„ Buden" vermittel-ten ein jahrmarktähnliches Bild und die eigentliche„ Hochzeit" bot alles auf, was ,, tirolerisch"war: so den ,, Hochzeitslader“,„ Kranzljungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Kranzljungfrauen“, die Brautleute in Grödner Tracht und den,, Schluß bildete die originelle Figur des Gaishirten".( Eine solch groß angelegte ,, Bauernhoch-zeit" findet übrigens im Südtiroler Kastelruth bis heute jährlich statt.)
Wie man sieht, hatte die aufkeimende Fremdenverkehrsindustrie von allem Anfang an dasbrennendste Interesse daran, den Gästen ein Tirol zu zeigen, das es in Wirklichkeit in der ge-ballten Form wie bei einem Aufzug, Auftritt oder eben Tiroler Abend gar nicht gab oder gibt.Das bedeutet aber auch, dass nur in seltenen Fällen Wert auf Authentizität gelegt wurde, son-dern das unterhaltsame, bunte und oft burleske Element im Vordergrund stand. Kein Wun-der, dass sich die volkstümlichen Akteure auch vor diesem Hintergrund kaum Schranken
5 Tiroler Fremdenzeitung vom 21.6.1889.
6 Tiroler Bote vom 3. März 1894.
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