Immaterielles Kulturerbe, kulturelle
Vielfalt und die UNESCO
Eine Herausforderung für die Europäische Ethnologie?
Dieter Kramer
Kulturelle Vielfalt und kulturelles Erbe sind miteinander gekoppelt. Im Folgenden sollendie aktuellen Nutzungsformen des Erbes und der kulturellen Vielfalt sowie die UNESCO-Programmatik zur kulturellen Vielfalt betrachtet werden. Zunächst wird es gehen um denVerschleiß des Erbes durch die Tourismusökonomie. Thematisiert wird dabei auch„ Identi-tätsmanagement". Unterschiedliche Dimensionen des Bewahrens, von denen längst nicht alle" zwanghaft" erscheinen, sind das zweite Thema, bei dem auch der Satz„ Zukunft braucht Ver-gangenheit“ auf den Prüfstand soll. Die aktuelle internationale Diskussion um das UNESCO-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformenund die Einschätzung kultureller Vielfalt als" angesichts der Unwägbarkeiten der Zukunft"unverzichtbare Ressource sind das dritte Thema. Aus ihm entwickelt sich viertens die Ausei-nandersetzung um die Aufwertung der Lokalität und das vielfach eingeforderte Recht auf dieeigene Kultur. Eine Zuspitzung erhalten diese Themen fünftens in der UNESCO- Konventi-on zum immateriellen( intangible) kulturellen Erbe, weil hier ein den Industriegesellschaftenungewohnter Umgang mit diesem Erbe abverlangt wird. Im sechsten und letzten Abschnittwird gefragt, wie die Europäische Ethnologie mit dieser neuen Wertschätzung einiger ihrerThemen umgehen kann.
Der Verschleiß des Erbes durch die TourismusökonomieDen" Erbeboom" kulturtheoretisch zu reflektieren bedeutet, ihn auch als Symptom einer Kri-se der" Modernisierung" zu begreifen. Die Janusköpfigkeit der Moderne und die Doppelge-sichtigkeit der Globalisierung, die gleichzeitig Lokalisierung fördert, sind mit verantwortlichfür die( wie immer selektive) Aneignung des Erbes. Unterschiedliche Nutzungsformen desErbes zu erkennen und herauszuarbeiten, darauf kommt es mir an.
Bewusst ist in der Überschrift dieses Abschnittes nicht von Tourismus allgemein, sondernvon Tourismusökonomie die Rede. Wenn dabei vom" Erbe" gesprochen wird, dann stehtzwar das kulturelle Erbe im Vordergrund, aber das Naturerbe( ohnehin in der Kulturland-schaft nicht zu isolieren) ist ähnlichen Beanspruchungen ausgesetzt.
Auf notwendige Differenzierungen ist aufmerksam zu machen. Das zweckfreie genussori-entierte Reisen wendet sich dem kulturellen Erbe auf seine Weise zu und schafft dadurch anallen beliebten Orten Mengenprobleme mit entsprechenden Folgen. Mark Twain spottet im19. Jh. über die Pilger, in deren Begleitung er seine Reise nach Europa und Palästina unter-
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