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Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
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Kulturelle Materialität

Martin Scharfe

I. Ein Wissenschaftler verirrt sich eigentlich nie

Jeder kennt das: man sitzt an einem Text- aber mitten in der Arbeit kommt einem das Themaabhanden, und während des Nachdenkens und Materialsammelns rutscht einem das Problemweg und ein anderes meldet sich und will dringend bedacht sein; es ist, als hätte man in un-wegsamem Gelände die Wegmarkierungen übersehen und wäre in die Irre gegangen- so wieder bairische Theologe, Mathematiker und Naturwissenschaftler Franz von Paula Schrank,der im Jahre 1784 von einer Botanisier- Aktion auf den Alpwiesen des Watzmann- Gebietsberichtet: ob der Pflanzen verliert er die Steinmarkierungen aus den Augen und verläuft sich,gerät an eine gefährliche Stelle, wird aber auch mit seltenen Funden belohnt. Also, beeilt ersich seinem Bericht anzufügen: Ein Naturforscher geht eigentlich niemals irre, und michreuete es nicht hieher gerathen zu seyn❝!!

Das möchte ich auch von meinen eigenen Bemühungen sagen dürfen: Ein Wissenschaftlerverirrt sich eigentlich niemals; und zur anschaulichen Unterstützung dieser These hole ich mirdie Holzschnitt- Reisekarte des komisch- tragischen Helden Hieronymus Jobs heran, dessensatirisch vorgeführte Lebensgeschichte im selben Jahr 1784, als sich der Gelehrte Schrankam Watzmann verstieg, die Gebildeten Europas erreichte: Jobs gerät da hin und dort hin,er überzieht den Kontinent mit scheinbar wirren Spuren; doch er findet sein Ziel, er findetzurück, bereichert durch die Erfahrungen der Fremde, des Fremden, des auf den ersten BlickBefremdlichen.2( Abb. 1)

Auch meine Spur hat sich im Verlauf der Arbeit am Thema derart verändert, daß Ankündi-gung und Text nun erheblich auseinanderfallen. Die reine Kritik an Vorstellung und Begriffdes Kulturellen Erbes erschien mir in zunehmendem Maße als öde, ja gar als abgeschmackt,weshalb ich sie komprimieren darf, um Raum zu gewinnen für eine Beleuchtung jenes unzer-trennlichen Geflechts, das oft zur Polarität von sogenannter materieller oder geistiger Kultur,von materiellem und immateriellem Kulturerbe versimpelt wird. Wie man sich dieses Ver-hältnis indessen wirklichkeitsnah denken könnte, ja müßte: das soll mein Thema sein.

II. Plädoyer für ein dreifaches Mißtrauen in die Kategorie desKulturellen Erbes

Denn alles Übrige ist bekannt. Man kann inzwischen wissen, daß die Kulturwissenschaftlerin,der Kulturwissenschaftler dem Begriff des Kulturellen Erbes mißtrauen muß, weil er- ein

1 Franz von Paula Schrank, Karl Erenbert Ritter von Moll: Naturhistorische Briefe über Oestreich, Salzburg,Passau und Berchtesgaden. 1. Band. Salzburg 1785, S. 262.

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Vgl. Carl Arnold Kortum: Die Jobsiade. Ein komisches Heldengedicht in drei Theilen( 1784). Mit einerEinleitung von Friedrich Schnettler. Leipzig o. J., Beilage nach S. 216.

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