Anfang des Jahres 1946547 unternimmt Geramb den Versuch, über Antragdes Professorenkollegiums der Philosophischen Fakultät an das Bundes-ministerium für Unterricht, eine ordentliche Professur für Deutsche Volks-kunde zu erwirken. Erste Anstrengungen in diese Richtung hat Geramb,wie weiter oben dargestellt, bereits 1935 unternommen. Der Antrag desProfessorenkollegiums über den Dekan an das Bundesministerium für Un-terricht auf„, die Ernennung des Genannten[ Gerambs] zum unbesoldetenordentlichen Professor für Deutsche Volkskunde an der Universität Graz" 548bleibt jedoch unberücksichtigt. Vorderhand muss der„ unbesoldete" au-Berordentliche Professor Geramb an der Universität wie vor dem ZweitenWeltkrieg mit Lehrauftragsremunerationen vorlieb nehmen.
Bereits im Dezember 1945 habilitiert sich Gerambs„ Schüler“ und Kolle-ge Hanns Koren mit der Habilitationsschrift„ Die Spende❝549 und nimmt imSommersemester 1946 seine Lehrtätigkeit an der Karl- Franzens- Universi-tät Graz auf. Geramb hat damit seinen„ Kollegen, Schüler, langjährige[ n]Mitarbeiter und Freund" 550, dem er überaus gewogen ist, zur Venia Legendigeführt und damit das Fundament der volkskundlichen Lehrkanzel verbrei-tert.
Leopold Kretzenbacher, ebenso Assistent Gerambs am Volkskundemuse-um und sechs Jahre jünger als Koren, ist ab dem Kriegsende von seinemUniversitäts- Lehramt enthoben. Kretzenbacher, der sich, wie weiter obenausgeführt, für„ Deutsche Volkskunde" habilitiert hat, als Geramb bereitsvon den NS- Machthaber( inne) n entlassen worden war, muss bis 1950 aufdie Wiederverleihung seiner Venia Legendi warten.
14.2. DER DOYEN DER ÖSTERREICHISCHEN
VOLKSKUNDE
Geramb hat zu Kriegsende bereits sein 61. Lebensjahr vollendet und istder Doyen der österreichischen Professoren für das Fach„ Volkskunde“.Obwohl weiterhin in bundesstaatlich unbesoldeter und„ außerordentlicher"Funktion tätig hat Geramb aufgrund seiner bereits mit Mai 1945 vom Rekto-rat der Grazer Universität als Wiedergutmachung erfolgten Wiedereinstel-lung 551 die Möglichkeit, als universitärer„ Alleinvertreter" Akzente zu setzen.„ Alleinvertreter" deshalb, da sowohl der Inhaber der Wiener
Lehrkanzel, Richard Wolfram 552, als auch jener der Lehrkanzel an der Inns-brucker Universität, Adolf Helbok 553, aufgrund ihrer NS- Betätigungen vor-läufig suspendiert sind.
Diese Ausnahmeposition Viktor Gerambs macht ihn zum Dreh- und Angel-punkt fachlicher Initiativen, mittels oder innerhalb derer er weitere Akzentesetzen kann. So wenden sich jüngere Kolleg( inn) en, wie z. B. der gerade ha-bilitierte Leopold Schmidt, 1946554 vertrauensvoll an Geramb, um mit seinerHilfe die Neuorganisation der österreichischen Volkskunde voranzutreiben.
GERAMB LEBEN 79